It wasn't me

 

Der Host (auch Gastgeber-Persönlichkeit oder ANP genannt) übernimmt in der Regel die Alltagsaufgaben, da er überwiegend die Kontrolle über den Körper des Betroffenen hat. In multiplen Systemen können ebenso zwei oder sogar eine ganze Gruppe von Hosts vorhanden sein, Der Traumaforscher Prof. Frank Putnam beschreibt dies als „eine soziale Fassade, die durch mehr oder minder kooperative Bemühungen mehrerer Identitäten entstanden ist, die als eine Persönlichkeit auftreten wollen.“ Bei vielen Betroffenen funktioniert dies sogar überraschend gut, sodass nicht mal Freunde oder Kollegen etwas davon merken.

 

Der Host kann sich oft besser als andere Personen-Anteile in soziale Gemeinschaften integrieren, betrachtet „Normalität" jedoch eher als eine Art Rollenspiel. Viele Hosts passen sich jahrelang ihrem Umfeld an, um den Alltag oder Job mit bestem Gewissen zu bewältigen, dabei dienen sie gleichzeitig (unbewusst) als Fassade, hinter der sich die anderen Identitäten verstecken können. Deshalb orientiert sich der Host zunächst daran, bloß nicht aufzufallen und Konflikte zu vermeiden. Er hat dafür – so wie jeder andere Mensch auch - verschiedene Rollen im Repertoire und bemüht sich um Zuverlässigkeit, Ordnung und die Gesundheit des Körpers, um am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können.

 

"Wenn Du keinen Plan hast, wirst Du Teil des Plans von jemand anderen."

 

Der Host leidet oft unter Amnesien, bzw. Gedächtnislücken, während die anderen Identitäten inkognito unter sich agieren können. Doch schon früh erhält er im Laufe seines Lebens zunehmend Einblicke durch intrusive Sequenzen in die Welt der anderen Personen-Anteile. Eventuell bekommt er auch Hinweise durch Notizen anderer identitäten oder wird durch Aussagen seiner Mitmenschen darauf aufmerksam. Zunächst kann er einige Handlungen wegen den Amnesien wahrscheinlich nicht mitverfolgen und demnach kaum verstehen oder nachvollziehen, bis ihm die Existenz der anderen Personen-Anteile bewusst wird. Auf Grund der umfangreichen posttraumatischen Symptomatik wird er veilleicht auch durch andere Belastungen auf sein Viele-sein aufmerksam. Diese Belastungen zeigen sich zum Beispiel durch Depressionen, Schlafstörungen oder eine vorrübergehende Realitätsentfremdung, die von vielen traumatisierten Menschen beschrieben werden.

"Manche Menschen stehen neben sich, ziehen sich auffällig oft zurück, wirken abwesend, machen nicht mit, mischen sich nicht ein, erscheinen depressiv, kommen nicht zu Potte, kriegen nichts auf die Reihe, träumen sich weg. Auch der Verlust der Spannung, nicht nur die Überreiztheit, sind oft Folge der unverarbeiteten Erfahrung, der Überforderung aller Systeme in der Notfallreaktion, Folge von überbordendem Schmerz auf physischer und psychischer Ebene. Sie sind ein Abbild der erlebten Hilflosigkeit und Ohnmacht.”

Lydia Hantke / Hans-Joachim Görges http://be-here-now.eu/tipps/inslebenholen!

Auch sonst hat es der Host nicht leicht. Viele berichten von einer inneren Leere und Einsamkeit, Misstrauen gegenüber allem und jedem, sowie allgemeiner Unsicherheit und einer negativen Selbsteinschätzung. Manche fühlen sich durch den temporären Kontrollverlust und eine mangelnde Unterstützung ihren Symptomen hilflos ausgeliefert und glauben, an ihrer Situation nichts ändern zu können oder haben bereits die Hoffnung verloren, dass sich ihr Leben jemals zum Guten wenden wird. Vor allem in den ersten Jahren nachdem ein Host verstanden hat, dass es noch andere Personenanteile gibt, herrscht in seinem Leben ein plötzliches Chaos. Doch es lohnt sich, in dieser Zeit nicht den Kopf in den Sand zu stecken, denn das Chaos kann mit dem Aufbau von Autonomie und Selbstvertrauen auch wieder geordnet werden. In vielen Fällen dauert dies einige Jahre und benötigt professionelle Begleitung, ermöglicht aber eine Stabilisierung des gesamten Systems und letztendlich auch ein besseres Leben.

Kampf gegen die innere Leere

 

Auf der Suche nach Schutz und Zuneigung ist so mancher Host bereit, eine untergeordnete Rolle in der Beziehung zu anderen Menschen einzunehmen. Er gibt viel und fordert wenig, um von anderen akzeptiert zu werden und Zurückweisungen zu vermeiden. Oft ist die Angst, nicht geliebt zu werden oder nirgends dazugehören zu dürfen, so groß, dass er sich aus Unsicherheit (Konfrontation mit Veränderung oder möglicher Abweisung) lieber den Vorstellungen anderer fügt, als seinen echten Bedürfnissen nachzugehen.

"Je unsicherer eine Person ihrer selbst ist, desto zwingender erlebt sie das Bedürfnis, Sicherheit in festgefügter Zugehörigkeit zu finden. Die Angst vor der Leere wird durch konkrete Identifikationen gebunden. [...] Ob man mit Angst oder Gelassenheit auf Leere reagiert, hängt von zweierlei ab:

 

Davon, wofür man sich hält.

Davon, woran man sich hält."

 

Dr. med. Michael Depner http://www.seele-und-gesundheit.de/spiritualitaet/leere.html

Diese grundlegene Unsicherheit wird bei den meisten Menschen bereits in der frühen Kindheit geprägt. Der Hirnforscher Professor Gerald Hüther spricht von zwei Strategien, die einem Kind zur Verfügung stehen, wenn es von seinen Eltern wie ein Objekt behandelt wird. Die erste Strategie besteht daraus, die Schuld in den Eltern zu suchen, doch wenn das Kind noch zu jung ist, um sich selbst zu verpflegen, sodass seine gesamte Existenz von den Eltern abhängt, weicht es auf eine weitere Methode aus:

„Die zweite Strategie, die Kinder einschlagen können, um den Schmerz zu überwinden, dass sie zum Objekt gemacht werden, besteht darin, dass sie sich selbst zum Objekt machen. Das Kind sagt dann nicht „Blöde Mama!“, sondern „Ich bin nicht liebenswert“. Das führt dazu, dass man sich selbst nicht leiden kann und mit sich selbst in keiner guten Beziehung ist. Wer das gemacht hat, hat auch Schwierigkeiten, in eine gute Beziehung zu anderen zu kommen.“

Prof. Gerald Hüther https://www.maas-mag.de/themen/es-geht-nur-ohne-hierarchie

Einige Betroffene versuchen daraufhin ihr ganzes Leben, anderen zu gefallen, um sich den Schutz in einer Gruppe zu sichern und Bestätigung zu erhalten. Dafür folgen sie den Vorstellungen anderer und verbergen ihre eigenen Bedürfnisse, um Zuneigung und Wertschätzung von ihren Mitmenschen zu bekommen.

 

"Die Belohnung von Angepasstheit ist, dass Dich jeder mag... außer Dir selbst."

Rita Mae Brown

 

Wen der Host aus unterschiedlichen Gründen keinen Halt in seinem sozialen Umfeld findet, zieht er sich aus der Gesellschaft zurück oder umgibt sich nur noch zeitlich begrenz mit anderen Menschen. Viele berichten von einer starken inneren Leere, die sie durch Ersatzbefriedigungen als Ausgleich für die fehlende Liebe oder Wertschätzung füllen. Manche ertragen keine Stille und umgeben sich unentwegt mit Geräuschkulissen durch permanent laufende Musik oder Filme. Andere verlieren sich in Sammelleidenschaften und häufen immer mehr nutzlose Gegenstände an, denen sie jedoch große Bedeutung schenken. Auch werden digitale Bekanntschaften oder Chat-Kontakte "gesammelt" um sich wenigstens virtuell mit anderen austauschen zu können. Einige greifen zu Alkohol und Drogen, werden kaufsüchtig, verlieren sich in einem Ordnungswahn oder praktizieren ein bedenkliches Ess-Verhalten, um der Leere nicht länger ausgesetzt zu sein.

Umgang & Tipps

 

 

Innere Leere

 

Dr. Michael Depner, Facharzt für Psychiatrie, beschreibt die Leere als "formlos, zeitlos, unzerstörbar" und daher auch als "unerschöpfliche Möglichkeit." Unter dieser Betrachtung lässt sich ebenso unentdecktes Potenzial daraus schöpfen, gleich einer leeren Leinwand, die auf unzählige Varianten gestaltet werden kann.

"Kaum etwas macht uns mehr Angst als die innere Leere. Doch es gibt auch die produktive, gute Leere. Durch Meditation, Konzentration, Musik oder auch beim Sex können wir diesen Zustand erreichen - unser Gehirn liebt die Leere, sie macht uns glücklich."

Niels Birbaumer Jörg Zittlau - Denken wird überschätzt. Warum unser Gehirn die Leere liebt

Diese Worte mögen vielleicht noch etwas befremdlich klingen, aber wer eine sinnvolle Lebensbeschäftigung gefunden hat, wird die Leere zunehmend zu schätzen wissen.

 

Das klappt noch nicht? Okay, dann lehnen Sie sich zurück, beobachten Sie, was in Ihnen vorgeht und reflektieren Sie die letzten Tage, um den Auslöser dieses Gefühls ausfindig zu machen. In depressiven Zuständen lässt sich die Leere in einer angenehmen Umgebung (im Wald, an einem See, bei einem Telefonat mit einer Vertrauensperson oder eingekuschelt unter der Decke mit einer Packung Eiscreme und der Lieblingsserie oder -musik) deutlich besser ertragen.

 

 

Hilflosigkeit

 

Der Gedanke, hilflos oder ausgeliefert zu sein und seine Umwelt nicht beeinflussen zu können, lässt manche Menschen in einem Zustand der Ohnmacht verweilen. Wem als Kind beigebracht wurde, dass seine Bedürfnisse falsch seien, kritisiert sich selbst außergewöhnlich hart und schämt sich oft noch bis ins erwachsene Alter für seine Gedanken und Gefühle. Sich aber ständig nach den Forderungen und Interessen anderer Menschen zu fügen, treibt uns immer mehr in die Hilflosigkeit.

 

Wer sich für die Harmonie mit anderen aufopfert, verliert die Harmonie mit sich selbst. Auch die Meinung anderer, wie wir unser Leben zu führen haben, sollten wir nicht über unsere eigenen Bedürfnisse stellen. Wenn man sich von der Meinung und Bestätigung anderer Menschen abhängig macht, wird man auch immer abhängig davon bleiben. Dabei ist es ein großartiges Gefühl, sich selbstbestimmt als Gestalter seines Lebens zu betrachten, die Opferrolle hinter sich zu lassen, eigene Wege zu gehen und zu seinen Entscheidungen zu stehen, wenn man sich mal verlaufen hat. Davon sind wir gerade mal zwei Überlegungen entfernt: Wie möchten wir unser Leben gestalten (Wachstum, Autonomie) und wer kann uns dabei begleiten (Verbundenheit, Austausch). Wie man so schön sagt: "Jede große Reise beginnt mit einem kleinen Schritt", es liegt nur an jedem selbst, wann er sich auf den Weg macht.

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