Multiple Systeme

Funktion, Charakter, Aufgaben und Symptome von Anteilen

 

 

Anmerkungen:

 

  • Die Abbildung zeigt nur einen Ausschnitt eines gesamten multiplen Systems
  • Es handlet sich um eine mögliche Variation, die bei jedem Betroffenen anders strukturiert ist
  • In der Praxis verfügt ein multipler Mensch über mindestens 2 dieser Systeme mit eigenem Host
  • Personen eines Teil-Systems, z.B. Helfer können in einem anderen Teil-System ebenso Host sein

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Die Maske der Normalität - Persönlichkeitsanteile

 

Die Wohnung einer multiplen Person könnte einen Besucher leicht irritieren. Vielleicht liegen dort im Bett einige Fachbücher neben zahlreichen Plüschtieren, beim Blick in den Kleiderschrank stapeln sich aufreizende Abendkleider unter teuren Krawatten und im Schlafzimmer liegen womöglich Waffen zur Verteidigung neben einer Kiste mit amüsanten Sexspielzeug.

 

Sicherlich sind derartige Ungereimtheiten in allen Wohnungen anzutreffen, denn jeder Mensch übernimmt regelmäßig verschiedene Rollenbilder und die damit erwarteten Verhaltensweisen. Wir alle fragen uns hin und wieder, wer wir sind, lieber sein möchten oder für andere sein sollen und haben für jede Variante eine passende Identität parat. Manchmal sind wir risikofreudige Draufgänger, kompetente Experten und gleichzeitig verklemmte Feiglinge, je nachdem, welche Situation uns gerade begegnet. Der Mensch entwickelt im Laufe seines Lebens viele unterschiedliche Persönlichkeitsanteile, um seinem gesellschaftlich und persönlich angeforderten Ideal so gut wie möglich zu entsprechen. Von der führsorglichen Schwester, die nachts ihren Bruder ins Bett bringt und tagsüber ihre Mitschüler terrorisiert bis hin zum sorgfältigen Angestellten, der zu Hause in seinem Unrat erstickt. Die Verschiedenheit unserer Charakterzüge wird sichtbar, spätestens, wenn wir unsere Rollen zwischen dem Arbeitsplatz, einer Massenveranstalturng oder dem Ehebett wechseln

 

"Menschen glauben, dass sie normal sind, wenn sie alle das gleiche tun"

 

Es ist normal, dass man sich, je nach seinem aktuellen Umfeld, eher aufgeschlossen oder schüchtern verhält. So können sich die Grundsätze, Empfindungen und Wünsche eines Menschen schlagartig ändern, um sich seinem Umfeld anzupassen, jedoch weiß er in der Regel, in welcher Rolle er sich gerade befindet und kann diese bewusst einnehmen und wechseln. Bei einer multiplen Person findet dieser Übergang unwillentlich statt und geht oft mit einer Amnesie einher, sodass der Betroffene meist erst im Nachhinein von "seinen" Erlebnissen erfährt. Wenn er viele Identitäten in sich trägt, können ohne seinen Einfluss unzählige, widersprüchliche Charaktere nach außen treten. Die Anzahl varierrt dabei je nach Schwere der Traumata und individuellen Belastungsgrenze.

"Wahrend in Fällen des fruhen 20. Jahrhunderts noch wenige, meistens nur zwei Persönlichkeiten erwähnt wurden, unterlag die Anzahl seit den 70er Jahren großen Schwankungen und einzelne PatientInnen sollen bis zu 4500 Identitaten aufweisen."

Kluft, 1991: 605ff

Egal, ob es sich um 4 oder 4000 Persönlichkeiten handelt, keine der Identitäten betrachtet sich nur als Anteil einer Person, sondern erlebt sich als vollständiges Individuum und macht ihre eigenen Erfahrungen, erwirbt individuelle Kenntnisse oder Talente und entwickelt ihre persönlichen Macken und Vorlieben. Dies geschieht in jedem Fall unabhängig voneinander, auch wenn bereits eine gute interne Kommunikation durch ein trainiertes Co-Bewusstsein entstanden ist.

"...je nach präsentierender alternierender Persönlichkeit [sind] unterschiedliche Ergebnisse zu erwarten (z.B. kann das Textverständnis, die Abstraktions-, die Koordinations- und die Konzentrationsfähigkeit, die Wachheit, der Zugang zu Erinnerungen und Wissen und die Aufmerksamkeitsspanne erheblich variieren = „fluktuierendes Funktionsniveau“)."

Overkamp, 2005, S. 52

Je häufiger eine Identität in den Vordergrund gelangen und ein Selbst-gefühl entwickeln kann, umso mehr werden sich sein Weltbild und die damit verbundenen Lebensziele positionieren, wobei die Vorstellung einer optimalen Lebensweise in einem multiplen System untereinander sehr weit auseinandergehen oder sogar in starken Gegensätzen stehen kann und sich selten konfliktfrei vereinen lässt.

 

Nicht jede abgespaltene Identität entwickelt sich in seiner Reife weiter, sodass mit hoher Wahrscheinlichkeit Personen jeden Alters mit verschiedenen Entwicklungsstufen in einem System vorhanden sind. So finden sich Kleinkinder, Jugendliche und Erwachsene in einer multiplen Person wieder, nachdem ihnen während der Bewältigung eines Traumas eine entsprechende Rolle zugeteilt wurde. Beispielsweise ein sorgloses Kind, das nie zum Opfer wurde (der Sorglose oder Scheinheilige) oder ein gewaltbereiter Jugendlicher, der das System skrupellos vor weiteren Tätern verteidigt (der Verteidiger oder Verfolger). Jeder Betroffene hat seine eigenen Bezeichnungen, bzw. konkrete Namen für die verschiedenen Identitäten:

"Alter-Persönlichkeiten hören dann zum Beispiel auf Namen wie: die Wütende, der Traurige, der Scheinheilige etc. Und fast immer gibt es innerhalb eines Gesamtsystems auch eine oder mehrere Alter-Persönlichkeiten, die keinen Namen tragen oder auf Namen wie „Niemand“ oder „Keiner“ hören."

Putnam, 2003, S. 146

Mit den Anforderungen ergeben sich im Laufe der Zeit auch unterschiedliche Funktionen und Aufgaben innerhalb des Systems. Die Rollen könnten, am Beispiel der oben sichtbaren Grafik, wie folgt unterteilt sein:

Host

Vertreten das System als anscheinend normale Persönlichkeit

Beschützer

Schützen das System und ergreifen bei Überlastung die Initiative

Helfer

Organisieren das Arbeitsleben, zeigen Therapie-Bereitschaft

Vermeider

Verwalten das System und sind tendentiell sehr kreativ

Opfer

Schalten das Bewusstsein in hohen Belastungssituationen ab (Trance)

Verfolger

Verteidigen das System und sind tendentiell sehr pragmatisch

Täter

Schalten emotionale Empfindungen in hohen Belastungssituationen ab

Kind

Schaltet Bewusstsein und alle Empfindungen bei Todesangst ab

Blender

Imitieren diverse Identittäten nach Bedarf (Künstler, Ärzte, Selbsthelfer)

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Zwischen den Fronten - Alltag und Überleben

 

Ein multiples System besteht aus mindestens zwei Teil-Systemen, die jeweils über eine Haupt-Person verfügen und sich zunächst in die zwei Bereiche Alltag und Überleben aufteilen lassen. Gewöhnlich tritt eine der Haupt-Personen (Host - auch "Gastgeber oder "ANP – Anscheinend Normale Persönlichkeit" genannt) in den Vordergrund und bestimmt zumindestens oberflächliich das Geschehen in der Außenwelt. Er bildet mit den anderen Identitäten seines Alltag-Systems (Helfer, Beschützer und Blender) ein Team zum scheinbar reibungslosen Funktionieren in der Gesellschaft. Die anderen bewältigen entweder mit ihm oder zumindestens in seiner Vertretung gemeinsam das Berufs-, Privat- und Familienleben.

 

Die meisten multiplen Systeme sind ausgeglichen strukturiert und durch interne Verbindungen gut aufeinander abgestimmt und organisiert, sodass der Identitäswechsel meist unbemerkt für den Betroffenen und seine Angehörigen stattfindet. Das Alltagssystem kann jedoch in trauma-erinnernden Situationen (vor allem in emotional überfordernden Situationen) instabil werden und damit eine Identität aus dem Überleben-System aktivieren, um eine mögliche psychische Überlelastung des Gesamtsystems abzuwehren.

 

Identitäten des Überleben-Systems haben nach Extremsituationen (also bereits mit der Ursache ihrer Entstehung), gleichermaßen extreme Strategien entwickelt, um das Erlebte zu verarbeiten und erneuten Gefahren kalkül begegnen zu können. Um eine Bedrohung so schnell wie möglich abzuwehren, wenden sie automatisch destruktive Bewältigungsstrategien an, sofern sie keine anderen Methoden gelernt haben. Sie neigen beispielsweise zu aggressivem oder selbstverletztendem Verhalten, leichtsinnigem Drogenkonsum oder schweren Zwangsstörungen..

"Multipel geworden zu sein war in dem Moment [des Traumas] die einzige Möglichkeit zu überleben. Zusätzlich waren die Innenanteile gezwungen, Überlebensstrategien zu entwickeln, die sich noch heute negativ auf das Leben der Betroffenen auswirken können."

S. Marya (2013)

Personen des Überleben-Systems teilen ihre Umwelt und Mitmenschen oftmals polarisierend in schwarz oder weiß, versuchen vor der Realität zu fliehen oder landen in unglücklichen, instabilen Beziehungen. In ihrem bisherigen Leben hat sich eine Gleichung dauerhaft bestätigt: Liebe = Schmerz. Deshalb versuchen sie, mit allen verfügbaren Mitteln (Verdrängung, Ignoranz, Verachtung, Derealisation) emotionale Herausforderungen wie Liebe und Intimität zu vermeiden, kleinzureden oder auf großer Distanz zu idealisieren.

 

"Es ist ein schmaler Grat zwischen: sich verlieben & sich verlieren"

 

Der Verfolger strebt nach der vollständigen Kontrolle seines Partners. Er fürchtet, dass ihn die Freiheit des anderen zurückweisen könnte und will um jeden Preis Einfluss auf dessen Leben gewinnen. Im Gegensatz gibt der Verdränger für seine Mitmenschen alles bis zur Selbstaufopferung, da er fürchtet, durch eine Zurückweisung entwertet oder vom Partner nicht mehr geliebt zu werden. Manche leben durch ihre Angst vor Nähe oder Bindung und einem übertriebenen Misstrauen ungewollt isoliert und meiden zwischenmenschliche Beziehungen oder sind in der Sehnsucht, ihre innere Leere zu betäuben, krankhaft auf ihren Partner fixiert.

"Wenn Verzweiflung nicht erlebt werden darf, ist die Gefahr groß, dass ein Mensch destruktiv wird. Er braucht Feinde, um nicht vom eigenen Hass überflutet zu werden. [...] Wirkliche Liebe wird unerträglich, denn sie würde die ursprüngliche Verletzung bloßlegen. Man möchte dann Liebe ausgerechnet von Menschen, die reserviert sind und nichts geben.“

A. Gruen (2007)

Einige Personen des Überleben-Systems fühlen sich wertlos oder sind sich ihrer Identität nicht sicher und weisen daher häufig einen Mangel an Selbstfürsorge bis hin zur Verwarlosung auf. Es ist nicht einfach, mit Vernunft an sie heranzukommen, denn sie identifizieren sich oft mit ausgeprägten Rollenbildern (z.B. als Täter, um nicht länger Opfer bleiben zu müssen) und sind schwer von ihren Überzeugungen abzubringen. Das permanente Gefühl einer gegenwärtigen Bedrohung lässt sie unentwegt in Alarmbereitschaft und damit ruhelos oder gereizt erscheinen. Ein anderes Leben haben sie womöglich nie kennengelernt, denn sobald ihr 'Not-Dienst' nicht mehr gebraucht wird, findet ein Wechsel zurück in eine Person des Alltag-Systems statt.

 

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Flucht oder Angriff? - Vermeidung, Unterwerfung und Überkompensation

 

Das menschliche Bewusstsein strebt immerzu nach Konsistenz, um Überzeugungen und Verhalten energiesparsam in Einklang zu bringen. Wenn man sich ständig etwas schön redet, obwohl es nicht in das eigene Weltbild oder zu den selbst gepriesenen Werten passt, entwickelt sich daraus mit zunehmender Wiederholung früher oder später eine schlechte Gewohnheit, die sich trotz der anfänglichen Gewissensbisse irgendwann aufgrund seiner Vertrautheit kaum noch falsch anfühlt. Auf diese Weise entstehen verschiedene dysfunktionale Bewältigungsstrategien wie Vermeidung, Unterwerfung oder Überkompensation, mit denen destruktive Verhaltensweisen aufrecht gehalten werden. Folgende Schemata, die nach einem Modell von Jeffrey Young überarbeitet und ergänzt wurden, werden hier nur kurz zusammengefasst und in den einzelnen Personenbeschreibungen näher ausgeführt.

Überkompensation / Angriff

 

- Angst vor fremder Überlegenheit

- Streben nach Einfluss und Kontrolle (Macht)

- Übertriebene Kompensation (übers Ziel hinaus)

- Aktive Betäubung der inneren Leere

- Initiative ergreifend, um andere zu beeinflussen

- Versuch, andere zu unterwerfen

- Extreme Verhaltensweisen, keine Grenzen

- Kein Respekt vor Autoritäten

- Verärgerter Versuch, seinen Status zu verteidigen

- Wertet Liebe ab, findet sich nicht liebenswert

- Angst vor Bindung

- Substanzmittelmissbrauch zur Kompensation

- Rolle: Einzelkämpfer, Einschüchterer, Manipulierer

- Kontrollierend, Unzulänglich, leistungsfähig, impulsiv

Unterordnung / Ohnmacht

 

- Hilflosigkeit, Fremdbezogenheit

- Streben nach Anerkennung, Bestätigung

- Unterwirft sich fremden Anforderungen

- Verhält sich überwiegend passiv

- Beeinträchtigt in Autonomie und Leistung

- Bereitwilliges Erdulden

- Erstarrung, gerät schnell in Panik

- Anpassung, grenzt sich nicht ab

- Versuch, Fassade aufrecht zu halten

- Erfüllt alle Wünsche anderer

- Angst vor Zurückweisung

- Rolle: Kind, Blender, Hochstapler

- Unsicher, abwartend, nachgiebig, aufopfernd

Vermeidung / Flucht

 

- Angst vor Verlassenheit und Ablehnung

- Streben nach Stabilität und Geborgenheit (Liebe)

- Ausübung von Zwängen (Realitätsflucht, Workaholic)

- Passive Betäubung der inneren Leere

- Schaltet innerlich ab, um zu funktionieren

- Einfühlsam zu anderen, kalt zu sich selbst

- Zögerndes Verhalten, Schuld und Schamgefühle

- Soziale Isolierung, Entfremdung

- Verzweifelter Versuch, Perfektion zu erreichen

- Idealisiert Liebe, findet sich nicht liebenswert

- Angst vor Intimität

- Substanzmittelmissbrauch zur Verdrängung

- Rolle: Versager, Perfektionist, fürsorglicher Helfer

- Selbstlos, grübelnd, wenig belastbar, anhänglich

"Der ziellose Mensch erleidet sein Schicksal, der zielbewusste gestaltet es."

 

Immanuel Kant

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Literatur

 

Kluft, R.P. (1991). Multiple personality disorder. In A. Tasman & S. Goldfinger (Eds.), American psychiatric press annual review of psychiatry

Bettina Overkamp (2005), Differentialdiagnostik der dissoziativen Identitätsstörung (DIS) in Deutschland

Putnam, Frank. (2003). DIS. Diagnose und Behandlung der Dissoziativen Identitätsstörung. Ein Handbuch.Paderborn: Junfermann

Sabine Marya (2013): Das neue Hand in Hand - Selbsthilfebuch für Unterstützer, Begleiter, Freunde und Partner von Menschen mit multipler Persönlichke; S.27f

Arno Gruen (2002); Der Fremde in uns; dtv Verlagsgesellschaft; ISBN-10: 3423351616; (2007) Der Wahnsinn der Normalität: ISBN 978-3-423-35002-0, 2007

Jeffrey E. Young, Janet S. Klosko, Majorie E. Weishaar (2005) „Schematherapie. Ein praxisorientiertes Handbuch“ Verlag: Junfermann

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