Niemals gut genug – Die Flucht vor dem Selbst

 

Ein Künstler lebt davon, Illusionen zu erschaffen. Er bringt seine Bedürfnisse auf Leinwänden oder durch beeindruckende Kompositionen zum Ausdruck. Mit etwas Talent ermöglicht er es auch seinen Betrachtern und Hörern, für einen Moment der Realität zu entfliehen.

 

Vermeider sind Experten für Realitätsflucht (Eskapismus) und Künstler zugleich. Eigentlich sind sie auf kreative Art unentwegt auf der Flucht – vor anderen Menschen, vor Anforderungen, vor der ganzen Welt, aber vor allem vor sich selbst. Sie sind oft auch künstlerisch begabt, doch leider verbrauchen sie ihre ganze Kraft dafür, sich selbst im Weg zu stehen. Vermeider entwickeln wenig Vetrauen in ihre Fähigkeiten und nehmen sich selbst oft als störend oder überflüssig wahr. Dieses Gefühl der Leere wird vor allem dadurch verstärkt, wenn sie nie die Möglichkeit hatten, ihre eigenen Bedürfnisse kennenzulernen.

"Der Erwachsene wird womöglich nicht einmal wissen, dass er sehr früh etwas vollkommen anderes brauchte, als er erhielt. Er war der Mülleimer für die entfremdeten perversen Wünsche der Eltern, die so zu den eigenen wurden. Zumindest fühlt es sich so an. Wie soll er nun zwischen lebensbejahenden und destruktiven, künstlichen, ihm aufgezwungenen Bedürfnissen im persönlichen, aber auch im gesellschaftlichen Bereich unterscheiden können?!"

Thomas Gruner (2004)

Vermeider sind oftmals noch in den Verhaltensmustern ihrer Kindheit gefangen und stehen den traumatischen Erinnerungen am nächsten. Sie werden häufig durch Flashbacks und Wahnvorstellungen daran erinnert und verspüren sofort ein Gefühl von Angst, Schuld oder Scham, dass sich in manchen Situationen zu einer heftigen Panikattacke hochschaukeln kann. Diese unkontrollierbaren Impulse versuchen sie durch beruhigende Maßnahmen zu dämpfen, indem sie sich in einen Tagtraum retten oderDrogen konsumieren. Einige unter ihnen sind so schwer mit ihren Symptomen belastet, dass sie sich nach einer Ruhe im Tod sehnen und schmieden deshalb ununterbrochen Pläne, wie sie dem Leben entfliehen können. In einem gut funktionierendem System übernimmt dann meistens ein überlegener Verfolger oder Beschützer die Kontrolle. Schließlich ist dann ebenso die Existenz der anderen Personen im multiplem System in Gefahr und vor allem Verfolger sehen es gar nicht gerne, wenn jemand ihre Weltherrschaftspläne sabotieren will.

 

"Realität ist auch nur eine Illusion"

 

Vermeider versuchen akribisch allem aus dem Weg zu gehen, was sie an traumatische Erlebnisse erinnern könnte (Orte, Personen, Wörter, Fotos, Veranstaltungen). Sollte dennoch eine Erinnerung durchkommen, werden die damit verbundenen schmerzhaften Gefühle sofort betäubt. Dafür dienen neben der Auto-Aggression auch manchmal Alkohol, Drogen oder andere psychoaktive Substanzen, sodass einige ständig auf ihre Betäubungsmittel und dessen Beschaffung fokussiert sind. Manche entwickeln schwere Ess-Störungen, z.B. maßloses Frustfressen oder tagelange Essensverweigerung. Das kann man als Ausdruck von "wenn ich sonst nichts in meinem Leben im Griff habe, kontrolliere ich wenigstens meine Ernährung" verstehen.

 

Ihr zwanghaftes Grübeln rührt von einem perfektionistischen Leistungswillen, sodass sie nie mit sich zufrieden sind. Das führt oft zu weiteren Zwängen (Nägelkauen, krankhafte Ordnung, Waschzwang, Arbeitssucht). Die maßlosen Ansprüche, machen es ihnen selten möglich, glücklich zu sein. Sie stellen an das Leben, aber vor allem an sich selbst soviele Erwartungen und Bedingungen, dass sie in ständiger Abhängigkeit von anderen leben. Sie brauchen die Bestätigung und Anerkennung anderer, weil sie kaum Selbstvertrauen empfinden und Ihre Fehlerhaftigkeit nicht akzeptieren können. Sie sehen nie, was sie sind, sondern immer nur, was sie sein könnten. Dabei setzen sie die Messlatte ins Unendliche, sodass sie nach ihren eigenen Anforderungen eigentlich nur verlieren können.

" Manche Klienten klammerten sich an die Opferrolle, wollten ihr Leid nicht loslassen. Ich glaube zwar nicht, dass ein Mensch aus freien Stücken leidet, es kann aber sein, dass von Anfang an abgelehnte Kinder ihr späteres erwachsenes Leben als eine Art Bußgang begreifen, um durch größtmögliche Opfer doch noch die Liebe der Eltern zu verdienen."

Thomas Gruner (2005)

Sie umtreibt ein Streben, liebenswert zu sein und von anderen gemocht zu werden, doch durch ihre Depressionen oder Psychosen fällt es ihnen schwer, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Da sie auch generell sehr schüchtern und skeptisch ihren Mitmenschen gegenüber sind, versuchen sie sich mit Alkohol aufzulockern und zu beruhigen. An manchen Abenden sind sie vielleicht so angespannt, dass sie sich plötzlich zur Besinnungslosigkeit betrunken haben, aber es vor lauter Zittern immer noch nicht auf die Tanzfläche oder überhaupt bis zum Veranstaltungsort geschafft haben. Dabei wünschen sie sich nichts sehnlicher, als ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, in dem sie sich durch andere wieder spüren können und einen Moment der Einsamkeit entfliehen, bevor die kalte Isolation sie wieder einfriert.

 

Sie merken schon, ich lasse kaum ein gutes Haar an den Vermeidern. Das könnte daran liegen, dass mir der Umgang mit diesen traurigen Gestalten sehr schwer fällt, doch hin und wieder überraschen sie mich auch mit bemalten Leinwänden (siehe Atelier). Und weil nicht alles nur schlecht sein kann, so wie ein Vermeider es oftmals sieht, möchte ich auch noch etwas positives über sie loswerden: Vermeider sind ausgesprochen einfühlsam, detailverliebt, kreativ und feinfühlig. Sie können aufgrund ihrer hohen Empathie die Belange und Stimmung eines Menschen mit einem kurzen Blick erfassen und sind sehr führsorglich und liebevoll zu anderen. Viele sind sehr naturverbunden und tierlieb, ebenso sind sie äußerst hilfsbereit und engagiert, wenn sie nicht gerade weinend am Boden liegen. Aber auch das macht sie irgendwie ein bißchen sympathisch.

Illusion vs. Realität – Der vermiedene Traumpartner

"Ich lernte früh, dass ich nichts wert bin und niemals gut genug für etwas sein würde. Als ich neun Jahre alt war, sagte meine Mutter tröstend: "Eines Tages wird ein Mann kommen, der dich so liebt, wie du bist." Ich ging in mein Zimmer und weinte, weil ich wusste, dass es nicht stimmt. Sowas wie mich konnte man überhaupt nicht lieben, ebenso wie ich nicht in der Lage war, jemanden zweifellos gern zu haben. Alle Mitmenschen informierten mich ständig darüber, wie häßlich und dumm ich sei. Ich war mir sicher, dass nichtmal mein Teddy-Bär bei mir bleiben würde, wenn er wegrennen könnte."

M1 / Tabula Rasa (2018)

Vermeider sind sehr misstrauisch gegenüber anderen Menschen, sehen überall nur Ungerechtigkeiten und nehmen jeden bösen Blick persönlich. Das macht es ihnen nicht leicht, einen Partner zu finden. In dem Glauben, "so wie ich bin, will mich keiner haben / kann mich niemand lieben" machen sie sich unberührbar oder ertragen Intimität nur kurzzeitig oder auf großer Distanz (Fernbeziehung, Chatrooms, illusionierter Liebeswahn, Sadomaso). Sich auf eine Beziehung einzulassen, enspringt eher der Bedürftigkeit oder Sehnsucht nach Vollkommenheit, da sie in ihrem Leben kaum Erfahrung mit wahrer Liebe gemacht haben und sie oft mit der Abhängikgeit eines Partners verwechseln, der einen Weg aus der Leere verspricht.

 

Die meisten Vermeider sehnen sich nach Nähe und fürchten sich vor Intimität. Klingt komisch, ist es auch. Manchmal möchten sie am liebsten in den Arm genommen werden und gleichzeitig die Flucht ergreifen. Aus Angst vor echter Nähe und erneuten Verletzungen lassen sie in ihrer Phantasie perfekte Beziehungen entstehen und projezieren diese Wunschvorstellungen eventuell auf einen realen Partner. Hat sich ein geeigneter Kandidat gefunden, sind sie völlig auf ihn fixiert, nahezu süchtig nach seiner Aufmerksamkeit. Sie überschütten ihn mit Bewunderung oder versuchen pausenlos, ihn zu beeindrucken. Ebenso fügen sie sich den Wünschen des anderen bis hin zur eigenen Selbstaufgabe, schließlich ist es ja der tollste Partner der Welt und diese Illusion darf nicht zerstört werden. Anstatt auf ihre eigenen Bedürfnisse zu achten, rennen sie dem anderen hinterher, um positive Resonanz zu bekommen. Doch lange können ihre schillernden Illusionen der Realität nicht standhalten. Der (emotional) unerreichbare Partner, für den sie so schwärmten, entpuppt sich oft (Überraschung!) als gefühlskaltes Arschloch.

"Die Abwesenheit der angemessenen, authentischen Gefühle und Reaktionen, das Vermeiden körperlicher und emotionaler Nähe zeigt die Angst des sehr kleinen Kindes, die Einsamkeit und die Kälte, in der es aufwachsen musste. Das Leiden dieses Kindes ist nur noch bildhaft in der Inszenierung sichtbar. Ich frage mich, wie aus einem Kind, das so früh zum Objekt gemacht wurde, ein Erwachsener werden soll, der als Subjekt, Herr seiner selbst die Freiheit von der Unfreiheit unterscheiden kann. Denn schließlich wurde ihm die Unfreiheit von Anfang an als Segen und Notwendigkeit verkauft. Die Misshandlung, das Ignorieren seiner Bedürfnisse geschahen bekanntlich zu seinem Besten."

Thomas Gruner (2004)

Aus diesem Grund verlieben sich manche Vermeider immer wieder in Frauen oder Männer, die bereits vergeben sind oder völlig beziehungsunfähig erscheinen. Andere geraten an Psychopathen, die dermaßen sadistisch veranlagt sind, dass nichtmal die Sadomaso-Szene etwas mit ihnen zu tun haben möchte. Da Vermeider glauben, dass Leid nunmal der Preis für die Liebe ist, lassen sie endlos viele Demütigungen über sich ergehen. Auf Grund des gegenseitigen Abhängigkeits-Verhältnis haben sie jedoch das Gefühl, eine sichere Beziehung zu führen, egal, wie sehr die Vernunft dagegen spricht.

"Eine Frau wurde als Kind vom Vater missbraucht. Sie zog daraus den Schluss: Ich bin wenig wert; denn andere betrachten mich als Mittel für ihre Zwecke. Deshalb akzeptiert sie bei der Partnersuche einen Mann, der sie ebenfalls missachtet. Die Erfahrung, die sie mit ihm macht, scheint die Regel, die sie in der Kindheit akzeptierte, zu bestätigen.Trifft sie einen Mann, der es gut mit ihr meint, vermeidet sie die Bindung. Zu groß ist die Furcht, dass er ihren vermeintlichen Unwert erkennt und sie folglich verstößt."

Michael Depner, Facharzt für Psychiatrie

Die erlebte Gewalt ist so vertraut, dass sie vom Vermeider oft verharmlost wird, wodurch das Gefühl der Minderwertigkeit immer mehr bestätigt wird, sodass sich bei ihnen kaum ein gesundes Selbstvertrauen entwickeln kann. Aus mangelnder Selbstliebe überlassen Vermeider ihren Partnern die Verantwortung, ob es ihnen gut oder schlecht geht und können ihr Glück nicht bei sich selbst, sondern nur in der Befriedigung des anderen finden. Zu groß ist die Angst vor Zurückweisung oder Konflikten und der Gefahr einer Trennung. Also ertragen sie (passiv-)aggressives Verhalten und gehen viele schlechte Kompromisse ein, um die Beziehung zu halten. Manche trauen sich aus Schuldgefühlen oder Mitleid nicht, Grenzen zu ziehen oder ihren Partner zu verlassen. Im schlimmsten Fall suchen sie aus diesen Gründen den damaligen Täter auf und schaffen es dadurch nie, aus dem Kreis der Gewalt auszubrechen.

Umgang & Tipps

 

 

Flucht

 

Vermeider glauben manchmal, Situationen umgehen oder verhindern zu müssen, weil sie ihnen schaden könnten, doch genau diese Angst hindert sie ebenso daran, zu erfahren, dass nicht alles so bedrohlich ist, wie es zunächst scheint. Je mehr sich Vermeider vom Leben ausschließen und ihren Handlungsraum einschränken, umso weiter entfernen sie sich von einem (sorgen)freien Leben. Mit Sicherheit hat die übertriebene Vorsicht auch schon einige Katastrophen verhindert, doch wer überall Gefahren wittert, wird selten Risiken eingehen und sich nie verwirklichen können.

 

Der ständige Wunsch, an einen anderen Ort fliehen zu wollen, resultiert aus der Vermeidung, sich den eigenen Gefühlen zu stellen, quasi eine Flucht vor dem Selbst. Anstatt vor dieser Angst wegzurennen, kann man die verborgenen Emotionen auch kreativ zum Ausdruck bringen (Komponieren, Zeichnen, Schreiben). Mit dem künstlerischen Gestalten können die nie gelebten Gefühle aus der Kindheit zum Ausdruck kommen, anstatt weiterhin verdrängt zu werden. Dadurch werden die negativen "ich bin falsch"-Erfahrungen langsam aus dem Unterbewusstsein gelöst, sodass man sich nicht mehr überall fehl am Platz fühlt.

 

 

Perfektion

 

Zwanghaftes Grübeln und das permanente Gefühl, alles in Ordnung bringen zu müssen, sind die häufigsten Begleiter des Vermeiders. Bevor Sie eine Arbeit niemals fertiggestellen oder beginnen können, weil endlos Details oder Vor- und Nachteile überdacht werden, sollten Sie einfach loslegen,

 

Unsere Leistungsgesellschaft hat genug Menschen mit Depressionen und Burn-Out entlohnt. Legen Sie eine Priorität fest, in der Sie 200 Prozent geben können, anstatt überall 100 Prozent geben zu wollen. Trauen Sie sich, zu scheitern, irgendwann werden Sie mit einem Schmunzeln daran zurückdenken – denn am Ende eines Lebens bereut der Mensch nicht was er getan hat, sondern nur die Dinge, die er nicht getan oder nicht wenigstens versucht hat.

 

 

Sucht, Selbstverletzung & Suizid

 

Siehe SVV & Suizid

 

Emotionale und körperliche Taubheit halfen damals, Schmerzen und Gefühle zu dämpfen. Nun ist die Gefahr vorüber, doch die innere Leere ist wahrscheinlich geblieben. Wer sich nie spüren durfte und Ärger, Wut und Trauer keinen Gefühlen zuordnen kann, wird zu anderen Methoden greifen, um sich wieder lebendig zu fühlen. Die Ursache liegt oft darin, dass Vermeider es nicht anders kennen, als ihre wahren Gefühle zu unterdrücken und schließlich den Schmerz und die Schuld gegen sich selbst zu richten. Anstatt den Hass weiter nach innen zu lenken, sollte er dahin fließen, wo er hingehört (zu den verantwortlichen Tätern der Traumata), damit er im Unterbewusstsein verarbeitet werden kann.

 

Auch Selbstmord erscheint Vermeidern oft eine gute Lösung. Theorien behaupten, die Intention bestehe darin, das gesamte System vor erneuten Übergriffen und weiteren Gefahren beschützen. Ich denke eher, dass sie es gewohnt sind, wie Dreck behandelt zu werden und daher eine äußerst negative Sicht auf sich selbst und die Welt haben. Was dahinter steckt, sei dahingestellt, aber weil solche Denkweisen das gesamte System gefährden können, ist es wichtig, zunächst die Ursache der Absicht aufzudecken und mit einem professionellen Therapeuten zu besprechen.

 

 

Täter-Kontakt

 

Manche Vermeider suchen immer wieder Kontakt zu damaligen Tätern, vorallem wenn es sich um Familienmitglieder oder enge Bekannte handelt. Oft wurde ihnen eingeredet, dass kein anderer sie jemals aktzeptieren wird, oder ihnen wurde gedroht, dass etwas Schlimmes passiert, wenn sie nicht zurückkommen. Versuchen Sie sich, so weit wie möglich, von den Tätern zu distanzieren, damit es auch in einem Anflug von Panik nicht dazu kommen kann, dass ein Vermeider sich erneut in Situationen begibt, von denen er sich dringend fernhalten sollte.

 

Wenn Sie Mitleid oder Schuldgefühle den Tätern gegenüber haben, hilft Ihnen vielleicht dieser Artikel: Mythos Vergebung. Mit wem ein Mensch seine Kindheit verbringt, kann niemand frei entscheiden, aber heute ist es ist Ihr Leben, in dem Sie nicht länger auf die Bedürrfnisse der Täter eingehen oder sich mit ihnen umgeben müssen. Sollten Sie es alleine nicht schaffen oder Angst vor den Tätern haben, gibt es die Möglichkeit, in ein Frauenhaus zu gehen oder eine Beratungsstelle aufzusuchen.

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