DEPRESSION

„Lach doch mal“ - Das Trauma hinter der Depression

 

Stephen Hawking zog Parallelen zwischen Depressionen und Schwarzen Löchern: „Dinge können auf beiden Seiten aus Schwarzen Löchern entkommen und sie führen möglicherweise sogar in andere Universen. Also wenn du dich fühlst, als wärst du in einem Schwarzen Loch gefangen, gib nicht auf. Es gibt einen Weg da raus“ Wenn man sogar aus schwarzen Löchern entkommen kann, dann klappt das auch bei Depressionen. Sie sind, wie er sagt “keine ewigen Gefängnisse”. Am besten befreit man sich daraus, indem man einfach nichts tut, bis der Sturm im Kopf vorrüber ist. Es geht vorbei und nach dem Niederschlag sieht die Welt ganz anders aus. Doch bis dahin kämpfen Betroffene meist mit folgenden Symptomen:

Merkmale einer Depression

 

  • Hoffnungslosigkeit, genereller Mangel an Interessen
  • Erschöpfungszustände, körperliche Abgeschlagenheit
  • Antriebslosigkeit, Müdigkeit, Gefühl der inneren Leere
  • Gedächtnis- und Konzentrationsschwierigkeiten
  • Emotionslosigkeit, Reizbarkeit, Weinkrämpfe
  • Druckgefühl in Hals und Brust, Atemprobleme
  • Balance-, Seh-, Schlaf-, und Appetitstörungen
  • Schwermut, zwanghaftes Grübeln, Besorgnis
  • Sexuelle Schwierigkeiten, Geminderte Libido
  • Glieder- und Kopfschmerzen, Verspannungen
  • Herzrhythmusstörungen, Kreislaufprobleme

Auf die häufige Frage, was man dagegen tun kann, erhalten Betroffene oft sehr unsinnige Ratschläge, wie "Denk doch einfach positiv", "Das packst du schon" oder "Jetzt hab' dich nicht so". Wer selbst mit schweren Depressionen vertraut ist, wird nachvollziehen können, dass solche, vielleicht gut gemeinten Tipps, in der Praxis kaum anwendbar sind, wenn man es tagsüber noch nicht mal aus dem Bett schafft und sowieso alles sinnlos ist. Nicht wahr?!

 

Depressionen lassen sich jedoch besser regulieren, wenn wir keine Angst mehr vor der Meinung unseres Umfeldes (Familie, Kollegen oder Freunden) haben. Wenn wir frei zu unseren Gefühlen stehen und sie ausleben können, anstatt es immer nur allen Recht machen zu wollen und uns dabei selbst zu verlieren. Ich habe dazu einige interessante Ansätze von Alice Miller rausgesucht:

 

"Die Depression ist der Preis, den der Erwachsene für diese Selbstaufgabe bezahlt. Er hat sich ja immer gefragt, was die Anderen von ihm brauchen und so kommt es, dass er seine ureigenen Gefühle und Bedürfnisse nicht nur vernachlässigt, sondern sie gar nicht kennt. Aber der Körper kennt sie und besteht darauf, dass der Mensch seine echten, authentischen Gefühle leben darf und sich das Recht nimmt, diese auszudrücken. Für Menschen, die als kleine Kinder für die Bedürfnisse der Eltern gebraucht wurden, ist das jedoch keine Selbstverständlichkeit. Auf diese Weise verlieren viele im Laufe ihres Lebens vollständig den Kontakt mit dem Kind, das sie waren. Eigentlich hatten sie ihn niemals, aber der Zugang wird mit wachsendem Alter noch erschwert."

 

"Die Depression ist in jedem Alter nichts anderes, als die Flucht vor all den Gefühlen, die die Verletzungen der Kindheit aufleben lassen könnten. Damit entsteht im Betroffenen eine innere Leere. Wenn die seelischen Schmerzen um jeden Preis gemieden werden müssen, bleibt im Grunde nicht viel übrig, was die Lebendigkeit erhalten würde. Man kann mit außergewöhnlichen Leistungen auf intellektuellem Gebiet aufwarten, aber innerlich kann man als emotional unentwickeltes Kind sein Dasein fristen. Die Depression, die diese innere Leere spiegelt, ist wie gesagt das Resultat der Vermeidung von allen Emotionen, die mit den früh erfahrenen Verletzungen verknüpft sind. Das führt dazu, dass ein depressiver Mensch auch bewusste Gefühle kaum noch erleben kann. Es sei denn, dass er, ausgelöst durch ein äußeres Ereignis, von Gefühlen überflutet wird, die völlig unverständlich bleiben, weil ihm die wahre, nicht idealisierte Geschichte seiner Kindheit unbekannt ist und er diesen Einbruch der Gefühle wie eine plötzliche Katastrophe erlebt."

 

"Es ist, als würde der Körper mit Hilfe der Depression gegen diese Untreue sich selbst gegenüber, gegen die Lüge, gegen die Abspaltung der wahren Gefühle protestieren, weil er ohne authentische Gefühle gar nicht leben kann. Er braucht den freien Fluss der Emotionen, die sich auch ständig verändern: die Wut, die Trauer, die Freude. Wenn diese in der Depression blockiert sind, kann der Körper nicht normal funktionieren. Um ihn dazu trotzdem zu zwingen, werden allerlei Mittel eingesetzt: Drogen, Alkohol, Nikotin, Medikamente, die Flucht in die Arbeit. All das, um die Revolte des Körpers nicht verstehen zu müssen, um nie zu erfahren, dass uns die Gefühle nicht umbringen, sondern uns im Gegenteil von dem Gefängnis, das sich Depression nennt, befreien können. Die Depression kann sich zwar wieder melden, wenn wir erneut unsere Gefühle und Bedürfnisse ignorieren, aber wir können mit der Zeit immer besser damit umgehen."

 

Es ist wichtig, die Ursache hinter dem Mechanismus zu verstehen, denn Depressionen gehören bis heute zu den häufigsten Symptomen dissoziativer Störungen und sind vor allem bei DIS-Patienten sehr stark ausgeprägt. Ganze 90 Prozent leiden häufig darunter und das ist auch kaum verwunderlich. Nicht nur multiple Personen müssen im Alltag und in der Arbeitswelt permanent die Rolle eines "normal angepassten Mensch" spielen, um ihre Symptome zu verstecken. Sie müssen andauernd sich selbst und ihre Bedürfnisse verleugnen und dabei immer nur "so tun als ob". Diese Verleugnung führt zwangsläufig zu Depressionen oder wird unterbewusst von anderen Identitäten aufgegriffen. "Emotionen und Affekte, die von einer Person geleugnet werden, können in den verschiedenen Identitäten ausgelebt bzw. auf verschiedene Zustände verteilt werden." (Fiedler & Mundt; 1997)

 

Suchen Sie nach den Auslösern und stehen Sie einem Betroffenen unterstützend zur Seite, wie es Sabine Marya in ihrem Ratgeber für DIS-Betroffene empfiehlt: "Immer wieder begegnen wir in einem multiplen System auch Innen-anteilen mit Depression. Seien Sie da, unterstützen und begleiten Sie, so weit Sie dazu in der Lage sind und motivieren Sie die gesünderen Innenanteile, zur Depression positive Gegengewichte zu setzen, die zumindest Überlebensanker sein können."

 

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Einsamkeit und Isolation

 

Dissoziative Symptome und Normalität passen nicht zusammen. Angehörige haben oft große Probleme mit dem widersprüchlichen oder verwirrenden Verhalten und der scheinbaren Inkonsequenz der Betroffenen, die sich deshalb zunehmend aus ihrem sozialen Umfeld zurückziehen. Betroffene können sich oft nur ihrem Therapeuten gegenüber offen zeigen und ihre Sorgen und Vorfälle benennen, da die Menschen in ihrem Umfeld die posttraumatischen Symptome nicht immer nachvollziehen können.

 

Aufgrund der mangelnden Offenheit der Gesellschaft gegenüber Kindheitstraumata, ist es oft schwer, sich mit anderen Menschen darüber auszutauschen. Stattdessen ernten Betroffene skeptische Blicke oder stoßen bei ihrem Gegenüber auf taube Ohren und werden mit "Ist ja jetzt vorbei, schau nach vorne" und ähnlichen Sprüchen abgewürgt. Je konsequenter das Umfeld eines Betroffenen das Thema Kindesmisshandlung bagatellisiert, umso mehr drängt er die schmerzhaften Erinnerungen zurück, bis er sich nirgends mehr verstanden fühlt und die Einsamkeit auch in guter Gesellschaft immer mehr an ihm nagt. So wird selbst ein schwer traumatisiertes Kind, aus dem später ein großartiger Musiker wurde, der von tausend Fans umjubelt wird, von der Einsamkeit zerfressen, wenn er seinen Schmerz nicht verarbeiten kann, wie Alice Miller in einem Beispiel beschreibt:

 

"Manche weltberühmten Stars, die beneidet oder gar vergöttert wurden, waren im Grunde sehr einsam. Sie wurden nie verstanden, weil sie sich selbst nicht verstehen konnten. Und sie waren nicht in der Lage, sich selbst zu verstehen, weil das Umfeld ihnen kein Verständnis, sondern lediglich Bewunderung entgegen brachte. Menschen suchen Verständnis auf dem Wege des Erfolges, geben sich unendlich viel Mühe, um diesen zu erreichen und ein immer größeres Publikum für sich zu begeistern. Doch diese Begeisterung nährt sie nicht, solange ihnen das Verständnis fehlt. Das Leben hat dann trotz der Karriere letztlich für sie gar keinen Sinn, da sie sich selbst so fremd bleiben. Und sie bleiben sich fremd, weil sie das, was am Anfang ihres Lebens geschah, vollständig vergessen wollen und das Leiden ihrer Kindheit verleugnen. Da die gesamte Gesellschaft auf diese Weise funktioniert, konnten die Stars von niemandem verstanden werden und litten unter ihrer Einsamkeit."

 

Außerdem sieht sie eine größere Gefahr der Isolation, wenn das Kind von seinen Eltern misshandelt wurde:

 

"Es stimmt, dass wir als Kinder sehr viele Ressourcen besitzen, um sogar schwere Verletzungen zu überleben. Doch um deren Folgen ausheilen zu lassen, brauchen wir wissende Zeugen in der Gesellschaft. Diese existieren aber in den meisten Fällen nicht, wenn die erlittenen Misshandlungen durch die Eltern begangen wurden. Ein von den Eltern misshandeltes Kind ist als Erwachsener ohne Zeugen und bleibt daher isoliert: nicht nur von den anderen, sondern auch von sich selbst, weil er die Wahrheit verdrängt hat, und niemand ihm hilft, die Realität seiner Kindheit wahrzunehmen. [...] Ich meine, dass die Gleichgültigkeit den Kindesmisshandlungen gegenüber bereits groß genug ist, wir brauchen sie nicht noch zu verstärken."

 

"Einsamkeit ist eine Gefängniszelle, die sich nur von innen öffnen lässt."

 

Viele traumatisierte Menschen haben so große Angst mit ihrem Trauma konfrontiert zu werden, dass sie lieber die Isolation in Kauf nehmen. Doch genau diese Verlassenheit wiederspiegelt den Moment ihrer Kindheit, in der auch niemand da war, als sie dringend Hilfe brauchten. Weil sich die Symptome durch die soziale Isolation verstärken können, kann diese Flucht auf Dauer keine Lösung sein, deshalb hier ein paar Vorschläge, um diesen Kreis zu durchbrechen:

Dem Gefühl der Einsamkeit entkommen

 

  • Veranstaltung besuchen (Kabarett, Ausstellung, Konzert, Vortrag)
  • Neue Menschen kennenlernen (Internet-Forum, Party, Selbsthilfegruppe)
  • Film, Dokumentation, Zeichentrick oder Serie schauen
  • Interessante Fachbücher oder Romane lesen (bzw. Hörbuch)
  • Spazieren gehen, Joggen, Schwimmen, Radfahren, Skaten
  • Einzel- oder Team-Sport (Kampftraining, Parkour, Klettern, Voleyball)
  • Was richtig gutes kochen oder ein exotisches Essen bestellen
  • Kreativ werden (Zeichnen, schreiben, ein Instrument spielen)
  • Die Wohnung umräumen, Zimmer neu gestalten, aufräumen
  • Dateien auf dem Computer sortieren und Backups machen

Nun ist es nicht einfach, aus der Isolation auszubrechen, doch zunächst sollten Sie wissen, dass Sie damit nicht alleine sind, wenn Sie sich wie der einsamste Mensch auf der Welt fühlen. Menschen mit Persönlichkeits-Störungen müssen ihr Verhalten ständig erklären und haben häufig große Schwierrigkeiten, sich anderen anzuvertrauen. Es ist nicht leicht, Freundschaften zu knüpfen, wenn man ständig "wie ausgewechselt" erscheint, aber das vielfältige Leben hat auch positive Seiten, die auf tolerante Menschen sehr interessant wirken können. Bei multiplen Personen kommen durch die Amnesien auch große Zeitverluste und Erinnerungslücken dazu, sodass die Möglichkeit eine Freundschaft zu festigen, sehr begrenzt sein kann:

 

"Eine Klientin wechselte jedesmal, wenn ein Thema ihr „heiß“ wurde [in eine andere Alter-Persönlichkeit], die im Vordergrund befindliche Alter-Person war kaum noch ansprechbar. [...] Da diese Kontaktunterbrechung bei allen Menschen in ihrem Umfeld und bei sehr vielen Themen einsetzte, war es für die Klientin nicht möglich, intensivere Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen." (Deistler & Vogler; 2005)

 

Trotzdem sollte niemand aufgeben, egal, wie schlecht die Chancen stehen. Es ist durchaus nicht einfach, auf andere Menschen zuzugehen, wenn man den ganzen Tag mit sich selbst zu kämpfen hat, doch es ist wenig hilfreich, sich völlig aus dem Leben zurückzuziehen. Wenn Sie ein großes Misstrauen gegenüber anderen Menschen haben, kann es nützlich sein, durch einen Film auf die Thematik aufmerksam zu machen, ohne die eigene Diagnose zu offenbaren. So erhält man vorab die Meinung des Gegenübers und kann durch die Reaktion besser einschätzen, ob derjenige tatsächlich geeignet ist, um das persönliche Schicksal zu besprechen. Zudem gibt es unzählige Menschen da draußen, die selbst betroffen sind und in einer ähnlichen Situation stecken. Daher sollte man nie aufhören, neue Wege zu gehen, um vertrauensvolle Freundschaften entstehen zu lassen.

 

Literatur:

 

Alice Miller (2005) Depression – der Zwang zum Selbstbetrug; http://www.alice-miller.com/de/depression-der-zwang-zum-selbstbetrug/

Fiedler, P. & Mundt, C. (1997). Dissoziative Störungen, vorgetäuschte Störungen und Störungen der Impulskontrolle. In K. Hahlweg & A. Ehlers (S. 355-389)

Sabine Marya (2013): Das neue Hand in Hand - Selbsthilfebuch für Unterstützer, Begleiter, Freunde und Partner von Menschen mit multipler Persönlichke; S.112

Deistler, Imke & Vogler, Angelika. (2005). Einführung in die Dissoziative Identitätsstörung. Multiple Persönlichkeit. (2. Auflage); Paderborn:Junfermann, S. 104

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