AMNESIE

Wer weiß schon ständig, was er tut?! - Blackouts im Alltag

 

Nicht selten finden Menschen mit dissoziativer Identitätsstörung Gegenstände in ihrem Besitz, an dessen Beschafffung sie sich nicht erinnern können oder wachen an fremden Orten auf, ohne zu wissen, wie sie dort hingekommen sind. Unangenehm wird es, wenn man im Nachhinein Dinge über sich erfährt, die man mit Sicherheit niemals getan hätte. Einige Patienten berichten von beängstigenden Gedächtnislücken, nach denen sie blutverschmiert, nackt oder kahlrasiert in einem unbekannten Haus oder Hotel zu sich kamen. Komödie, Drama oder Horror - man kann sich nach einem Filmriss in jedem erdenklichen Genre wiederfinden.

 

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Kurzschluss im Kopf - Dissoziative Amnesie

 

Schätzungsweise 98% der DIS-Patienten leiden unter regelmäßigen Gedächtnislücken, man kann zumindestens davon ausgehen, dass fast alle multiplen Persönlichkeiten von Amnesien betroffen sind.*

Ihnen fehlen bestimmte Erinnerungen an die Vergangenheit, vor allem über belastende Ereignisse, welche dem Gedächtnis partiell oder gänzlich unzugägnlich sind.

*Dulz & Lanzoni, 1996; Orban, 1996

 

Dissoziative Amnesien lassen sich in 5 Arten unterteilen:

Lokalisierte Amnesie

Ein bestimmter Zeitabschnitt wird nicht erinnert.

Selektive Amnesie

Einige bestimmte Ereignisse werden nicht erinnert.

Generalisierte Amnesie

Das gesamte Leben wird nicht mehr erinnert.

Systematisierte Amnesie

Bestimmte Informationen werden nicht erinnert.

Kontinuierliche Amnesie

Neue Ereignisse werden sofort vergessen.

Dissoziative Amnesien sind fast immer psychogen*, d.h. sie lassen sich auf psychologische Ursachen zurückführen. Zudem sind sie überwiegend retograd, also beispielsweise unter Hypnose veränderbar.

Diese beiden Eigenschaften sind wichtig, um andere Ursachen ausgrenzen zu können und sie somit von Stupor und Mutismus (evtl. Schizophrenie, Depression) oder postikalen Amnesien (typisch für Epilepsie) zu differenzieren. Dabei sollte man auch ausschließen, ob die Gedächtnislücken eventuell auf Substanzen (Alkohol, Drogen, Psychopharmaka) zurückzuführen sind oder eine neurologische Ursache (Schädel-Hirn-Trauma) vorliegen könnte.

*Erkwoh & Saß, 1993

 

Der Kurzschluss im Kopf ist eines der wichtigsten Werkzeuge der menschlichen Psyche, also eine natürliche Schutzffunktion des Gehirns, um akute, unlösbare Belastungssituationen abzuwehren. Während einer traumatischen Erfahrung wird das Erlebte oft nur lückenhaft abgespeichert, da die integrative Gedächtnisfunktion des Gehirns mit den externen Reizen schlichtweg überfordert ist. Anschließend fehlen den Betroffenen häufig Erinnerungen über verschiedene Zeiträume, die einige Minuten bis hin zu Jahrzehnten andauern können. Hat das Gehirn sich durch wiederholte Anwendung an diesen Schutzmechanismus gewöhnt, entsteht eine Prädisposition für weitere Amnesien, so dass es auch zukünfitg routiniert einen Kurzschluss anwenden wird, um schlimmere Auswirkungen durch eine Überforderung zu vermeiden.

 

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Wer ist hier der Boss?! - Amnesie und Identitätswechsel

 

Für eine multiple Persönlichkeit sind Amnesien so alltäglich, wie die Kopfschmerzen für einen neurotypischen Menschen. Selbst vermeintlich harmlose Situationen können bereits unter den ensprechenden Umständen Blackouts auslösen. Aus Angst, für verrückt erklärt zu werden, verheimlichen viele die unerklärlichen Vorfälle. Einige spielen die Auswirkungen aus Scham herunter oder suchen verzweifelt immer wieder neue Ausreden, um ihr fremdgesteuertes Verhalten anderen Menschen plausibel erklären zu können.

 

Manchmal wissen die Betroffenen überhaupt nichts von ihren Amnesien. Während der Host sich nur lückenhaft erinnert und längere Zeiträume der Vergangenheit im Dunkeln liegen, tragen vor allem die feindseeligen und vermeidenden Persönlichkeitsanteile die Last der verdrängten Situationen und haben damit oft sehr genaue Erinnerungen an das Erlebte.

 

"Gefühle, die wir nicht zulassen, lassen uns niemals los"

 

Jede Identiät verfügt, je nach seinem Rang, innerhalb des multiplen Systems über einen mehr oder weniger eingeschränkten Zugriff auf die gemeinsamen Erinnerungen. Der Host erfährt davon oft nur durch Intrusionen in Form von Flashbacks oder Halluzinationen (Stimmen, Wahnbilder, Gedächtnissequenzen) oder durchlebt das Trauma erneut in Trancezuständen und ist dann völlig überfordert mit den Eindrücken. Im Alter können diese Zustände vermehrt auftreten, da die Fähigkeit, Amnesien aufrecht zu halten, im Laufe der Jahre immer weiter abnimmt. Wenn man das Co-Bewusstsein unter den Persönlichkeiten verbessert und die auslösenden Situationen mit der Unterstützung eines professionellen Therapeuten behandelt, verringert sich ebenfalls die Gefahr zukünftiger Blackouts, da Amnesien oft mit dem unkontrollierten Wechsel zwischen den Identitäten ausgelöst werden.

 

Literatur:

Dulz, B. & Lanzoni, N. (1996). Die multiple Persönlichkeit als dissoziative Reaktion bei Borderlinestörungen. Psychotherapeut, 41, 17-24

Erkwoh, R. & Saß, H. (1993). Störung mit multipler Persönlichkeit: alte Konzeptionen in neuem Gewande. Nervenarzt, 64, 169-174.

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