SVV & SUIZID

 

Selbstverletzendes Verhalten (SVV)

 

Ein Mensch, der von klein auf destruktiver Kritik oder Gewalt ausgesetzt ist und seine Wut und Angst jahrelang in sich hinein frisst, gewöhnt sich im Laufe der Zeit daran, schmerzhafte Gefühle nach innen zu lenken oder an sich selbst auszulassen. Thomas Gruner schrieb dazu eine interessante These:

 

"Viele Menschen, die in der Kindheit sexuell ausgebeutet wurden, plagen sich mit einer Fülle von Symptomen, die in alle Bereiche des Lebens eingreifen: Ihre Gefühle sind entweder wie abgestorben oder aber es tauchen unvermittelt heftige Emotionen auf, die dem Betreffenden selbst völlig unverständlich sind. Je grausamer ein Kind misshandelt wurde, um so stärker ausgeprägte autistische Züge zeigt mitunter der Erwachsene. Die starken, nicht integrierten Gefühle können so quälend werden, dass ein Mensch in die Sucht flüchtet, um sie nicht spüren zu müssen und um immer wieder auftauchenden Selbstmordwünschen zu entgehen, aber auch der Leere, die die Eltern in ihm hinterließen.

Das ganze Leben entgleist, eine berufliche Entwicklung kann verunmöglicht werden, weil die gesamte Kraft allein für das Aushalten und Überleben des Unerträglichen aufgezehrt wird. Von einer Partnerschaft wagen viele nicht einmal zu träumen, sie können sich logischerweise nicht vertrauensvoll öffnen und die sexuelle Entwicklung wurde oftmals zerrüttet. Diese umfassende Not verschärft den Selbsthass, dessen Wurzeln in der Kindheit durch die verheerenden direkten und indirekten Botschaften der Eltern gelegt wurden."

 

Selbstverletzungen haben nach eigenen Angaben der Betroffenen verschiedene Funktionen: Manche möchten die Gefühlstaubheit beenden, etwas spüren, sich wieder lebendig fühlen, Anspannung und Druck abbauen, sich von Ängsten ablenken oder der passiven Ohnmacht entkommen. Andere sind es gewohnt, auf diese Weise emotionalen Schmerz zu unterdrücken und zeigen immer wieder gleiche Verhaltensmuster, die teilweise sogar in festen Ritualen umgesetzt werden. Im Gegensatz zum psychischen Schmerz, sind physische Verletzungen besser kontrollierbar, ein Halt im Chaos, wenn die ganze Welt unterzugehen scheint. Selbstverletzungen dienen meistens dem Zweck, von panischen Gedanken, emotionaler Leere oder innerer Zerissenheit abzulenken, deshalb ist es nicht nur wichtig, die Ursache dafür zu finden, sondern zunächst auch alternative Strategien anzuwenden.

Häufige Formen von Selbstverletzung

 

  • Negative Gefühle verdrängen
  • Wangenbeißen, Zähne zusammenpressen
  • Haare ausreißen, Nägel zerkauen
  • Extremer Sport bis zur totalen Erschöpfung
  • Schlucken gefährlicher Substanzen
  • Schneiden, kratzen, ätzen, verbrennen der Haut
  • Übermäßiger Alkohol- und Drogenkonsum
  • Sex über sich ergehen lassen
  • Zuführung von Prellungen, Brüchen
  • Hungern, übermäßiges Essen, Bulimie

Alternativen um Anspannung abzubauen

 

  • Die auslösende Situation verlassen
  • Körperliche Aktivität (Sport, Tanzen)
  • Eiskalt duschen oder Coolpacks verwenden
  • In einer geschützten Umgebung Wut ablassen
  • Offen mit jemanden darüber sprechen
  • Müll zertrümmern, Holz hacken
  • Kreative Aktivitäten (Schreiben, Instrument spielen)
  • Entspannen (Whirlpool, Massage)
  • Bewusste Ablenkung (Musik, Filme)
  • Durch einen Wald rennen

Selbstschädigend können auch Nahrungsverweigerungen oder übermäßiger Sport sein. Sie dienen ebenfalls dazu, Kontrolle über das eigene Leben zurückzugewinnen,.doch auch hier wird der Körper geschädigtt. Deshalb ist es wichtig, die Ursachen zu beleuchten, anstatt die Verletzungen als Charakterschwäche oder ähnliches zu verurteilen. Es handelt sich vielmehr um tief sitzende Überlebens-Strategien, die erst enschlüsselt werden müssen, damit die Auswirkungen vermindert und aufgelöst werden können.

 

Auch als Angehöriger können Sie helfen, indem Sie ein offenes Ohr für den Betroffenen haben und seine Notlage ernst nehmen. Vielen hilft es bereits, überhaupt darüber sprechen zu können und sich mit ihren Sorgen nicht allein gelassen zu fühlen. Hier sind ein paar nützliche Hinweise für die Kommunikation:

Produktiv

 

  • Ursachen und Auslöser hinterfragen
  • Verständnis zeigen, Unterstützung anbieten
  • Nähe anbieten, aber nicht erzwingen
  • Verbandsmaterial bereitstellen

Kontraproduktiv

 

  • Entsetzen, Ärger oder Wut zeigen
  • Vorwürfe machen, Ultimatum setzen
  • Ignorieren oder als Banalität abtun
  • Verbote oder Strafen aussprechen

Es kann bei DIS-Patienten Identitäten geben, die masochistische Neigungen haben und durch Selbstverletzungen eine sexuelle Stimmulation erreichen. Dabei handelt es sich oft um Personenanteile, die Loyalität zu den Tätern zeigen und gezielt versuchen, den Host mit Selbstverletzungen zur Verzweiflung zu bringen, um anschließend die Kontrolle über das System zu übernehmen. Hier sollten unbedingt die Auslöser und Motive aufgeklärt werden, da es sich um eine unbewusste Verbindung zu dem erlebten Trauma handeln könnte. Manchmal verbirgt sich dahinter auch eine heftige Angst vor Intimität, der man mit anderen sexuellen Praktiken, wie Tantra oder Massagen entgegenwirken kann.

 

 

 

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Alkohol, Drogen & Medikamente

 

Etwa die Hälfte aller Menschen mit dissoziativen Störungen nutzt schmerzlindernde Wirkstoffe. Sei es wegen den heftigen Kopfschmerzen, der ausweglosen Verzweiflung oder einfach dem vertrauten Gefühl des Konsums. Die Wirkung der Substanzen ist kalkulierbar, der Betroffene kann sich auf ihre Dienste verlassen und weiß, woran er ist. Sich diese Erleichterung zu erschaffen, seine Symptome zu lindern und die Anspannung zu senken, kann für ihn manchmal der letzte Ausweg sein, daher ist es wichtig, (bei multiplen Personen im gesamten System) zu planen, wie mit dem Suchtverhalten zukünftig umgegangen wird und anschließend im sozialen Umfeld nach Unterstützung zu suchen.

 

Ein Süchtiger sucht oder flieht (vor) etwas. Einige suchen die Verbindung mit einer Substanz, weil es ihnen schwer fällt, Verbindungen mit anderen Menschen einzugehen. Andere fliehen vor emotionalen oder körperlichen Leid, welches ohne Betäubung unerträglich erscheint. Deshalb sollte man nicht davon ausgehen, dass ein von Alkohol oder Drogen abhängiger Mensch ohne weiteres einen Entzug machen wird. Je stärker die Sucht, umso auswegloser sieht er seine Situation. Wenn sie ihm die "Quelle seiner Erlösung" entsagen möchten, ist es wichtig, ihm vorher einen angemessenen Ersatz anzubieten und über den Ablauf des Entzuges entscheiden zu lassen. Manche möchten lieber langsam in kleinen Schritten von der Droge loslassen, anderen fällt ein kalter Entzug (langfristig gesehen) deutlich leichter.

 

Um regelmäßigen Alkohol, Medikamenten- oder Drogen-Konsum schnell zu verringern, kann man den Betroffenen zunächst aus seinen Gewohnheiten holen. Eine Fahrt ans Meer, in die Berge oder auf eine ruhige Insel kann ihm helfen, die Routine zu durchbrechen. Es sollte natürlich etwas sein, das der Betroffene selbst äußerst attraktiv findet, sodass er freiwillig eine Weile auf die Drogen verzichten kann.

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Suizidale Gedanken & Selbstmord

 

Suizidale Gedanken sind bei dissoziativen Störungen häufig anzutreffen. Laut einer Studie von Caroline Kim und Gustavo Turecki liegt die häufigste Ursache eines Suizidversuchs in psychischen Erkrankungen. Die posttraumatische Symptomatik bringt sehr viel Leid und Verzweiflung mit sich, sodass der Gedanke an den Tod einem traumatisierten Menschen versöhnlich erscheinen kann, dabei dient der Plan oft nur als Flucht in ein radikales Versteck, weil das Leben unerträglich erscheint. Es kann mitunter vorkommen, dass ein Betroffener derartige Gedanken so tief verdrängt hat, dass ein suizidales Verhalten nur in bestimmten Situationen oder Bewusstseinszuständen ausgelöst wird. So bekommen multiple Personen von den Selbstmordplänen anderer Anteile oft nichts oder erst im Nachhinein etwas mit.

"Das suizidale und autoaggressive Verhalten von DIS-Betroffenen wird von einer oder wenigen Persönlichkeiten des Systems ausgeführt. Die Kernpersönlichkeit (Host) ist oft amnestisch für dieses Verhalten oder sie erlebt es in einem Zustand der Depersonalisation. Selbstzerstörerische Handlungen werden von einzelnen Persönlichkeiten durchgeführt, die die Vorstellung haben und davon überzeugt sind, dass sie den anderen Persönlichkeiten Schaden zufügen können ohne selber beeinträchtigt zu werden."

F. Putnam (2003); S. 63

Es ist wichtig, suizidale Anzeichen ernst zu nehmen. Vielleicht wird es nur schwer gelingen, einen Menschen generell daran zu hindern, jedoch lassen sich die Risiken verringern. Dafür ist es notwendig, die Person, bzw. den betroffenen Anteil anzuhören und seine Absichten zu verstehen. Je mehr ein Mensch mit seiner Ohnmacht und Verzweiflung auf sich alleine gestellt und von den anderen isoliert ist, umso eher wird er den Plan in die Tat umsetzen. Daher lassen Sie in mit seiner Not nicht allein, geben Sie ihm Geborgenheit, zeigen Sie Mitgefühl und schmieden Sie gemeinsam Pläne, um eine Alternative zu finden. Es gibt immer eine bessere Idee, als Suizid. Dazu gibt es einen hilfreichen Text der Psychotherapeutin Dr. Doris Wolf: Selbstmord - Sehnsucht aus dem Leben zu scheiden. Professionelle Unterstützung erhalten Sie durch Therapeuten, in Kliniken oder Beratungsstellen und Notruf-Hotlines.

Suizidprävention

 

Suizidwege versperren

Wer sich die Möglichkeit zum Suizid selbst verbaut oder keine Mittel dazu hat, wird den Plan womöglich überdenken und hoffentlich verwerfen. Suchen Sie nach alternativen Beschäftigungen für diesen Zeitraum.

 

Kontakt suchen

Einsamkeit verstärkt den Wunsch nach Selbstmord enorm, daher sollte der Betroffene mit seiner Not nie allein bleiben und sich umgehend Unterstützung suchen (Kliniken, Freunde, Foren, Beratungsstellen, Therapeuten).

 

Kommunikation

Besprechen Sie die Suizidgefahr mit einem Menschen, den sie vertrauen (bei multiplen Personen unbedingt auch mit den anderen Identitäten). Entwickeln Sie gemeinsam Strategien, um die Gefahr einzudämmen.

 

Aushalten und weitermachen

Machen Sie sich bewusst, dass auch die hoffnungslosesten Momente vorübergehen werden. Sie haben bereits die schlimmsten Belastungen überlebt und werden bald auch dieses Tief hinter sich lassen.

 

Rationalisieren

Seien Sie sich im Klaren darüber, dass es keine sichere Suizidmethode gibt und Sie schlimme Qualen erleiden könnten, falls es schief geht. Rufen Sie sich lieber ins Gedächtnis, was sie am Leben vermissen würden.

 

Verarbeiten

Lassen Sie Ihren Gedanken und Gefühlen freien Lauf, indem Sie sich den ganzen Schmerz von der Seele schreiben. Das Verarbeiten macht es leichter, sich von den überwältigenden Eindrücken zu distanzieren.

 

Analysieren

Werten Sie die aktuellen Auslöser und damaligen Ursachen der Suizidabsichten zu einem späteren Zeitpunkt aus. Recherchieren Sie nach Methoden, um eine mögliche Wiederholung vorbeugen zu können.

Literatur:

 

Frank W. Putnam (2003); Diagnose und Behandlung der Dissoziativen Identitätsstörung (DIS): Junfermann-Verlag, Paderborn

Jochen Peichl (2012); Die inneren Trauma-Landschaften: Borderline - Ego-State - Täter-Introjekt; Schattauer-Verlag

Thomas Gruner (2005) Über einige Aspekte der neueren Traumatherapien; http://www.alice-miller.com/de/uber-einige-aspekte-der-neueren-traumatherapien/

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