Mythos Vergebung

Der stille Schrei : Mythos Vergebung

Unterdrückte Wut - Die Rebellion des Körpers

 

Auf meinem Schreibtisch stapelten sich die Bücher über Vergebung fast genauso hoch wie meine Schuldgefühle. Ich fragte mich, was für ein schrecklicher Mensch ich doch sein muss, dass es mir nicht möglich war, aufrichtig Vergebung zu zeigen. Es wurde ja schließlich immer wieder gepredigt, dass wir die Dinge, so wie sie sind, einfach akzeptieren sollen, was eben nur durch Vergebung möglich wäre.

 

Ich quälte mich sehr lange mit dem Gedanken, bis ich auf die Werke von Thomas Gruner und Alice Miller stieß. In diesem Artikel habe ich einige wertvolle Passagen der beiden zusammengetragen und falls ihr euch auch gerade am Rande der Verzweiflung befindet, können euch diese Worte vielleicht ebenso helfen.

 

Also zurück zum Thema, Stichwort Vergebung: Viele Menschen mit dissoziativen Störungen haben eine mehr oder weniger spürbare Wut auf die Täter, von denen sie in der Kindheit traumatisiert wurden. Doch was sagt man beispielsweise einem jungen Erwachsenen, nachdem er von der alkoholkranken Mutter geschlagen oder ignoriert wurde? Was rät man einer Frau, die als Mädchen von ihrem Vater missbraucht wurde?

 

"Nahezu ausnahmslos wird vorausgesetzt, dass die Patienten den Eltern vergeben müssen, um, so wird ihnen versprochen, „inneren Frieden“ zu finden, frei zu werden von den Folgen der Vergangenheit und unbelastet von erschreckenden starken Gefühlen der Wut oder der Verzweiflung. So versuchen Menschen unter Umständen lange, ihre Authentizität zugunsten der Ideologie der Vergebung zu unterdrücken, doch genau das macht sie krank."

Thomas Gruner: Geborgenheit in der Moral oder Die Wahrheit der Erfahrungen; 2004

 

Es scheint, als wolle man dem Betroffenen untersagen, seine Wut und Ängste zu spüren, um sich schnellstmöglich wieder "normal" und angepasst zu verhalten. Der Hass darf nicht zum Ausdruck gebracht werden, er soll vielmehr erstickt werden. Alice Miller hält stark dagegen und sieht in diesem Rat sogar die Ursache vieler Symptome:

 

"Will ich damit sagen, dass die Vergebung der am Kind begangenen Verbrechen nicht nur unwirksam, sondern auch schädlich ist? Ja, genau das will ich tatsächlich sagen. Denn der Körper versteht keine moralischen Vorschriften. Er kämpft gegen die Verleugnung der wahren Emotionen und für das Zulassen der Wahrheit ins Bewusstsein. Dies wurde dem Kind verwehrt, es musste sich belügen und für die Verbrechen der Eltern blind bleiben, um zu überleben. Der Erwachsene muss dies nicht tun, und wenn er es tut, zahlt er dafür einen hohen Preis, mit dem Verlust der Gesundheit, oder er lässt andere dafür zahlen, seine Kinder, Patienten, Untergebene usw."

Alice Miller: Der Betrug tötet die Liebe; 2004

 

Damals war die akrobatische Leistung unseres Gehirns noch erforderlich, um der Realität zu entfliehen, damit wir überleben konnten. Doch warum sollen wir auch heute noch uns selbst und so auch unsere Gefühle und Wahrnehmung verleugnen?

 

"Wo bleiben die unterdrückten Gefühle in einem Menschen, die ja nicht einfach verschwunden sind, bloß weil sie nicht zugelassen werden? Da der Körper alle unsere Erfahrungen und Erlebnisse speichert und somit unser Gedächtnis ist, versucht er immer wieder, an die verdrängten Gefühle und Erlebnisse zu erinnern. Aus der eigenen Erfahrung heraus habe ich den Eindruck, dass der Körper sich dabei verhält, wie das Kind, das noch nicht klar formulieren kann, worunter es leidet, was es gerade im konkreten Augenblick braucht. Werden aber die Botschaften des Körpers über Jahre hinaus nicht verstanden, entwickelt der Körper unter Umständen schwere, auch lebensgefährliche Symptome."

Thomas Gruner: Auf der Suche nach der eigenen Geschichte; 2004

 

Der Hass löst sich nicht auf, wenn wir ihn heimlich in uns hinein fressen - er vergräbt sich nur umso tiefer ins Bewusstsein. Bis er uns irgendwann von innen auffrisst, weil wir ihn nie rauslassen konnten. Vergebung ist somit kein Loslassen, sondern ein Runterschlucken des Traumas und genau darin besteht die Gefahr des Vergebens:

 

"In der Therapie wurden sie darin unterstützt, ihren Eltern zu verzeihen und ihr Schicksal, so wie es war, zu akzeptieren. Der Körper wehrte sich gegen das Ignorieren der Realität und bestand mit Hilfe der Symptome darauf, dass die realen Eltern endlich zur Kenntnis genommen würden. In einer Therapie, die die Vergebung zum Ziel erklärt, ist das aber grundsätzlich nicht möglich, weil die reale Wahrnehmung misshandelnder oder missbrauchender Eltern die Vergebung ausschließt."

Thomas Gruner: Die doppelte Falle; 2003

 

Begleiterscheinungen wie Panikattacken, Depressionen und unerklärliche Schmerzen können nur gelindert werden, wenn der psychische Schmerz, den die Wahrheit leider mit sich trägt, nicht länger verdrängt wird. Wenn nicht mehr versucht wird, sich auf die Seite derer zu stellen, die rücksichtslos das Leben anderer zerstören. Wir sollten keine Vergebung, kein Verständnis und vor allem kein Mitleid für Menschen haben, die Kinder misshandeln und ihnen zeigen, dass wir Gewalt wie diese nicht akzeptieren, anstatt den Tätern immer wieder eine Versöhnung anzubieten.

 

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Weil nicht sein kann, was nicht sein darf - Liebe & andere Lügen

 

Aber wir müssen unsere Eltern doch trotzdem lieben?! - Moment, müssen wir das wirklich?

Ein in seiner Kindheit traumatisierter Mann schrieb einmal, dass er sehr lange brauchte, um zu begreifen, dass er seiner Mutter gegenüber durchaus starke Emotionen hatte, die er zunächst als Liebe bezeichnete. Tatsächlich aber sprach aus ihm nur eine große Wut und Verzweiflung, die er aufgrund ihrer Intensität als "Liebe" deklarierte:

 

"Mit der Zeit drängte sich mir die Frage auf, ob ich bei dem Gefühl, das ich entdeckt hatte, von Liebe sprechen konnte. Der erwachsene Mann wehrte sich dagegen, seine Mutter lieben zu müssen. Aber ich ging davon aus, dass ich als Kind Liebe für meine Mutter empfunden hatte. Warum eigentlich? Wusste ich überhaupt, was Liebe ist? Um fühlen und wissen zu können, was Liebe ist, muss ein Mensch die Erfahrung der Liebe in seiner Kindheit erlebt haben. Meine Mutter hatte immerzu behauptet, mich zu lieben. Als Kind habe ich ihr das glauben wollen und müssen, als Erwachsener hatte ich die Freiheit, Fragen zu stellen. Ist es möglich, dass eine Mutter, die ihren kleinen Sohn sexuell ausbeutet, dieses Kind liebt?"

Thomas Gruner: Die doppelte Falle; 2003

 

Die gleiche Frage stellte sich auch Alice Miller und ging dabei sogar noch einen Schritt weiter:

 

"Wie kann sich ein Mensch lieben, der sehr früh lernen musste, dass er nicht liebenswert sei? Dass er Schläge bekommt, damit er anders wird, als er ist? Dass er den Eltern eine Last und keine Freude war und schließlich, dass nichts in der Welt jemals die Abneigung und den Zorn der Eltern wird aufheben können? Er glaubt, dass er die wahre Ursache dieses Hasses ist, was ja nicht stimmt. Er fühlt sich schuldig, will sich bessern, aber all das kann gar nicht gelingen, weil die Eltern an ihren Kindern die Wut erleben und auslassen, die sie bei ihren eigenen Eltern zurückhalten und unterdrücken mussten."

Alice Miller: Dein gerettetes Leben: Wege zur Befreiung; 2007

 

Erwachsene Menschen müssen nicht mehr vertuschen, was sie sich als Kind nie eingestehen durften. Sie sind in der Lage frei zu entscheiden, ob sie ihr Leben und ihre Hoffnungen weiterhin einem Menschen widmen wollen, nachdem sie realisiert haben, dass weder auf ihner, noch auf der Gegenseite jemals echte Liebe vorhanden war. Dennoch halten viele Betroffene weiterhin an dieser Illusion fest:

 

"Ich vermute, dass der Gedanke, man wurde von den eigenen Eltern nicht geliebt, für die meisten Menschen unerträglich ist. Je mehr Fakten auf diesen Mangel hinweisen, umso stärker klammern sich diese Menschen an die Illusion, sie seien geliebt worden. Sie klammern sich auch an die Schuldgefühle, die ihnen bestätigen sollten, dass es an ihnen lag, an ihren Fehlern und ihrem Versagen, wenn die Eltern nicht liebevoll mit ihnen umgegangen sind. In der Depression rebelliert der Körper gegen diese Lüge. Viele Menschen möchten dann lieber sterben oder symbolisch sterben, indem sie ihre Gefühle abtöten, als die Ohnmacht eines kleinen Kindes zu erleben, das von den Eltern nur für deren Ehrgeiz oder nur als Projektionsscheibe ihrer aufgestauten Hassgefühle gebraucht wird."

Alice Miller: Depression – der Zwang zum Selbstbetrug; 2005

 

Menschen, die in der Kindheit kaum Zuneigung erfahren haben, werden ihr ganzes Leben die Sehnsucht nach der elterlichen Liebe verspüren, die ihnen als Kind verwehrt blieb. Wir wollen einfach nicht wahrhaben, dass wir in unserer Kindheit für keinen Menschen eine Bedeutung hatten. Noch immer nach Liebe zu suchen, wo niemals welche war, ist ein bestehender Schutz vor der bitteren Wahrheit, dass wir nicht geliebt wurden, als wir es als Kind am meisten brauchten.

 

"Wenn man dies einmal wirklich verstanden hat, hört man auf, auf die Liebe der Eltern zu warten. Man weiß dann, warum sie nicht möglich war noch ist. Erst dann erlaubt man sich, zu sehen, wie man als Kind behandelt wurde, und zu spüren, wie man darunter gelitten hat. Statt die Eltern wie bisher zu bemitleiden, zu verstehen und sich selber zu beschuldigen, fängt man an, dem misshandelten Kind beizustehen, das man einst war. [...] Das ist das Ende des Bagatellisierens seines Leidens und der Anfang des respektvollen Umgangs mit diesem Leiden und mit dem Kind."

Alice Miller: Aus dem Gefängnis der Schuldgefühle; 2005

 

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"Es war ja nicht alles schlecht" - Mitleid und Verständnis?

 

"Es gab ja auch schöne Momente mit dem Vater, wenn er gerade nicht gewalttätig war.. meine Mutter hat mir zwar nie geholfen, aber sie war ja schließlich auch Opfer... und ich bin ihr ja auch irgendwie für mein Leben dankbar..."

 

Ach komm, hör auf... Sogar Mahatma Gandhi sagte: „Gewaltfreiheit ist bedeutungslos, wenn sie von einer hilflosen Kreatur ausgeht. Eine Maus wird einer Katze kaum vergeben, wenn sie es zulassen muss, von ihr in Stücke zerrissen zu werden.“ So gab er zu bedenken, dass eine abhängige Person nicht verzeihen könne, da sie unfrei handle. Dies zeigt sich auch an einem konkreten Beispiel eines jungen Mannes:

 

"Ich hatte die Not meiner Mutter gespürt und deswegen hatte sie mir immer leid getan. Folglich hatte ich die längste Zeit meines Lebens Verständnis für meine Mutter gehabt. Indem die Analytikerin mir freundlich erklärte, wie überfordert meine Mutter und wie anstrengend ich als kleines Kind gewesen sei, verwehrte sie mir, mich endlich selbst verstehen zu können. Indem sie die Not meiner Mutter beschrieb, wischte sie meine Not vom Tisch. So blieb ich in kindlichen Schuldgefühlen gefangen, meine Symptome blieben mir unerklärlich, denn das Verständnis für meine Mutter produzierte lediglich weiterhin Mitleid für diese Frau. Die Therapeutin behauptete, dass sie mir helfen wolle, meine Eltern differenziert, mit erwachsenen Augen wahrzunehmen, tatsächlich verhinderte sie jedoch, dass ich die Sichtweise des kleinen Jungen mit dem Blick des erwachsenen Mannes ergänzen konnte."

Thomas Gruner: Die doppelte Falle; 2003

 

Menschen, denen ihr Leben lang eingetrichtert wurde, dass sie wertlos oder nur ein Mittel zum Zweck sind, entwickeln dadurch schwerer Selbstvertrauen und neigen dazu, sich selbst kaum wahr oder wichtig zu nehmen. Verstärkt wird dieses Zurücknehmen, wenn sie ihre eigenen Bedürfnisse nie kennenlernen durften und weiterhin versuchen, die eingeredeten Schuldgefühle in Schutz zu nehmen.

 

"Wie jeder Mensch, der anfängt, sich mit der Realität seiner Kindheit auseinander zu setzen, wollte ich mir meine Mutter bewahren können. Ich wusste nicht, ob ich den Botschaften meines Körpers, meinen Gefühlen oder der Version, die meine Mutter über meine Kindheit von sich gegeben hatte, glauben sollte. Ich spürte die Erpressung und die Okkupation durch meine Mutter, konnte diese Realität aber nicht greifen. Offenbar hielt es meine Analytikerin für notwendiger, dass ich gute und positive Seiten an meiner Mutter entdeckte, um mir die Illusion der Mutterliebe erhalten zu können, anstatt mir dabei zu helfen, dass ich erkannte, mit welchen Manipulationen mir das Mitleid für meine Mutter aufgezwungen worden war."

Thomas Gruner: Die doppelte Falle; 2003

 

Wir sprechen von der Illusion, dass die wenigen schönen Momente unsere negativen Erfahrungen rechtfertigen. Wenn wir jedoch bedenken, womit ein traumatisierter Mensch womöglich sein Leben lang zu kämpfen hat, wird deutlich, dass einfache Phrasen nicht genügen werden, um die Verletzungen aus der Welt zu schaffen. Tägliche Gefühle, wie Scham, Schuld, Wut und Wertlosigkeit verbunden mit Depressionen, Panikattacken und nächtlichen Albträumen, wiederkehrender Gefühlstaubheit, permanentem Misstrauen, Selbstverletzungen, Ess-Störungen, Abhängikgeiten, sexuellen Störungen und Schlafproblemen, zudem unzählige körperliche Beschwerden und Psychosen, die einen normalen Alltag kaum möglich machen... Sollen wir dafür wirklich dankbar sein?

 

"Frau Reddemann ist beispielsweise der Auffassung, die (wie sie zugesteht, schwer zu erreichende) Krönung einer Therapie sei es, wenn die in der Kindheit vergewaltigte Klientin so weit komme, ihrem Schicksal dankbar zu sein, denn ohne den Inzest wäre sie ja nicht die Persönlichkeit geworden, die sie ist. Was mag damit gemeint sein? Die Klientin hätte ohne die Inzesterfahrung einen weniger lauteren Charakter, keine emotionale Tiefe, weniger Phantasie? Ich zweifele und frage mich weiter, ob Reddemann und ihren Kollegen bewusst ist, sich mit diesen und ähnlichen Überlegungen nolens volens letztlich einem sehr bekannten, in meinen Augen kriminellen Guru anzuschließen, der (ohne psychotherapeutische Ausbildung, versteht sich) Klientinnen gegen Zahlung von (selbstredend) viel Geld dazu nötigt, sich vor ihren imaginierten Vätern zu verbeugen und ihnen für den Missbrauch zu danken, so dass einige völlig psychotisch werden oder suizidal."

Thomas Gruner: Über einige Aspekte der neueren Traumatherapien; 2005

 

Wie kommt man dazu, von einem Menschen etwa Verständnis oder Dankbarkeit zu erwarten, nachdem er die Hölle durchlebt hat? Warum empfinden Betroffene eher Mitleid mit den Tätern und nicht mit dem hilflosen Kind, das sie gewesen sind? Warum sollen sie dankbar für das niederträchtige Verhalten der Täter sein, anstatt dankbar für ihre eigene Ausdauer und Kraft, die sie bis heute aufrecht stehen lässt, nachdem sie ständig niedergezwungen wurden?

 

"Denn wie freundlich diese Eltern phasenweise gewesen sein und wie sehr sie behauptet und sich selbst geglaubt haben mögen, das Kind zu lieben: Missbrauch ist niemals Liebe, er ist eigentlich Hass auf das Kind."

Thomas Gruner: Über einige Aspekte der neueren Traumatherapien; 2005

 

Es bringt uns nichts, unsere Eltern zu verstehen oder in Schutz zu nehmen, denn nur sie selbst können etwas an ihrem Verhalten ändern. Trotzdem neigen wir zur Vergebung, weil viele Betroffene und Therapeuten immer noch nicht verstanden haben, dass sich die menschliche Psyche nicht durch moralische Floskeln täuschen lässt. In der Psychologie bezeichnet man solche Verstrickungen als „kognitive Dissonanz“, die nur durch die Überwindung dieser Selbst-Täuschung in Einklang gebracht werden kann. Nur durch diese Ent_täuschung können wir die Opferrolle, die uns aufgezwungen wurde, tatsächlich verlassen. Nicht durch Vergebung (und auch nicht durch Rache), sondern durch das Fühlen, was wirklich ist, ohne uns etwas vorzumachen.

 

"Der Körper versteht nichts von Religion und Moral. Wenn wir seine Erfahrungen der Grausamkeiten ignorieren, bezahlen wir unseren Selbstverrat mit Krankheiten oder lassen unsere Kinder ihn bezahlen, oder tun beides. Das Vergeben heilt nicht die Wunden, diese können nur durch das Zulassen der schmerzhaften Wahrheit ausgeheilt werden, nicht aber durch den Selbstbetrug."

Alice Miller: Ein Interview mit Alice Miller an Katharina Micada; 8 Oktober 2009

 

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Gefangen im Hass - Opfer, die zu Tätern werden

 

Ein Trauma im Bewusstsein ist wie Asbest in den Hauswänden. Wenn wir nicht die ganze Hütte niederreißen, werden wir uns ein Leben lang selbst schädigen. Es hilft nichts, schönen Lack darüber zu streichen oder uns zu erzählen, dass es doch gar nicht so schlimm sei, nach dem Motto: "lieber ein Asbest-Haus, als gar keins." Doch viele Betroffene vertreten dieses Motto, um nicht niederzureißen, was sie sich ein Leben lang aufgebaut haben: Eine perfekt eingerichtete und ausgestattete Täuschung, die sie später an ihre Nachkommen weitergeben. Alice Miller sieht als Ursache dafür eine große Angst, das Unrecht der Eltern aufzudecken:

 

"Die meisten Menschen haben Angst vor diesen „negativen“ Gefühlen gegenüber ihren Eltern. Deswegen lassen sie diese Gefühle eher an ihren Kindern aus und setzen auf diese Weise den Kreislauf der Gewalt fort."

Alice Miller: Gewalt tötet die Liebe; 2005

 

Als Erwachsene können wir uns dieser Angst stellen, ansonsten werden wir niemals davon profitieren, erwachsen zu sein und leben weiterhin wie abhängige Kinder. Es liegt in unserer Entscheidung, ob wir uns weiterhin den Tätern, statt unseren wahren Gefühlen zuwenden oder immer in der Rolle des hilflosen Kindes gefangen bleiben und den Selbstbetrug mit schmerzhaften Symptomen ausbaden müssen. Wer dazu neigt, also nicht zu seinen Emotionen steht und sich den Bedürfnissen anderer weiterhin selbstlos unterordnet, kann zudem leichter erneut manipulieret werden:

 

"So wird ein kleines Mädchen dem Nachbarn in den Keller folgen, der ihr Schokolade versprochen hat, obwohl sie sich vielleicht unbehaglich dabei fühlt. Aber wenn sie vom Beginn ihres Lebens an lernte, dass ihre Gefühle unbedeutend sind und sie jeder erwachsenen Person zu gehorchen habe, auch wenn sie einen inneren Widerstand spürt, wird sie dem Nachbarn folgen. Und später wird sie vielleicht ihr ganzes Leben lang in ihren Beziehungen zu Männern leiden, wenn sie diese frühe Erfahrung nicht aufgearbeitet hat. Wenn sie dies aber geleistet hat, wird sie viel weniger in Gefahr laufen, das Opfer einer Vergewaltigung oder anderer Belästigungen zu werden."

Alice Miller: Wege aus der Verleugnung; 2005

 

Vergebung ist demnach eher eine Täuschung als eine Tugend, denn sie verhindert den Mut und die Fähigkeit, sich dem Druck des Täters zu stellen. Durch das Verzeihen werden die alten Machtverhältnisse wiederhergestellt: Auf der einen Seite der Täter, dem das schlechte Gewissen genommen wurde und auf der anderen Seite das Opfer, dem gleichermaßen die Stimme genommen wurde, denn nun nimmt es die Schuld erneut auf sich.

 

Bei der Misshandlung eines Kindes lässt sich immer eindeutig jemand zuweisen, der dafür die Verantwortung trägt. Entweder man beschuldigt das Kind oder den erwachsenen Täter. Kommt es durch die Vergebung nicht zu einer Anklage, richtet sich die Schuld des Betroffenen wieder nach innen, statt gegen die wahren Verbrecher. So wird dieser Mensch seine Wut nie loslassen können und im schlimmsten Fall unbewusst gegen die eigenen Kinder richten.

 

"Dass diese Frau ebenso freimütig bekannte, bis zu ihrem 16. Lebensjahr von ihrem Vater vergewaltigt worden zu sein, macht dabei nichts besser. Im Gegenteil: Mit diesem Inzestschicksal rechtfertigt sie ihre eigenen Verbrechen. In Wahrheit blieb sie, wie alle Pädophile, dem Täter treu."

Thomas Gruner: Perversion und Gesellschaft, Teil 2; 2004

 

Die Vergebung erzeugt demnach auch eine Selbstablehnung, sowie die Verlagerung der eigenen Verantwortung und somit die Rechtfertigung neuer Verbrechen. Ein ewiger Teufelskreis, in dem Opfer immer wieder zu Tätern werden oder ewig in ihrer Opferrolle gefangen bleiben, indem sie ihre Wut weiterhin gegen sich selbst richten.

 

"Je ausgeprägter die Selbstentfremdung, um so notwendiger wird die Produktion künstlicher Bedürfnisse und Ersatzbefriedigungen: Wir haben dir nichts zu bieten, also friss eben das, was wir dir vor die Füße werfen. Ein bekanntes Muster. Ersatzbefriedigungen, auch in Form von Ideologien und Religionen, machen aber logischerweise nicht satt. Der Leere kann somit niemand wirklich entkommen."

Thomas Gruner: Perversion und Gesellschaft, Teil 2; 2004

 

Und wie entkommen wir nun dieser Leere?

 

"Im Gegensatz zum Kind braucht der Erwachsene die Liebe der einst misshandelnden Eltern nicht mehr, um überleben zu können. Ihm wird nichts genommen, er verliert allerdings in einem durchaus schmerzhaften Prozess seine Illusionen. Mit der Zeit kann er dadurch lernen, für sich zu sorgen, indem er sich immer wieder von den Signalen des Körpers leiten lässt. Er kann versuchen, Menschen zu finden, die seine Liebe, seine Zuneigung viel mehr verdienen, oder wird die Erfahrung machen, dass er über die Fähigkeit verfügt, Zeiten der Einsamkeit zu tragen. Dann muss sich ein Mensch weder in das Hungern flüchten noch in dessen Kehrseite: die Esssucht oder den Konsum von Drogen."

Thomas Gruner: Geborgenheit in der Moral oder Die Wahrheit der Erfahrungen; 2004

 

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Der stille Schrei – Dem inneren Kind eine Stimme geben

 

So. Wir haben es fast geschafft. Wenn sich nun Stück für Stück der innere Widerstand gegen den Selbstbetrug auflöst, indem wir uns den wahren Gefühlen stellen und sie nicht länger verschleiern, wächst auch langsam das Selbstwertgefühl:

 

"Sie selber können sich nur helfen, wenn Sie aufhören, Ihre Eltern vor Ihren berechtigten Gefühlen zu beschützen. Dann werden Sie nicht mehr unter dem Zwang stehen, diese zu imitieren, indem Sie sich verabscheuen, beschimpfen und sich als ein Monster darstellen."

Alice Miller: Aus dem Gefängnis der Schuldgefühle; 2005

 

Wer sich selbst kein Rätsel mehr ist, kann bewusst entscheiden, reflektieren und handeln. Er kann seinen Gefühlen Raum geben und Ängste oder Depressionen vermeiden, indem er seine Emotionen zulässt, anstatt sie zu unterdrücken.

 

"Wir können uns, zumindest bis zu einem gewissen Grad, von dieser Blindheit befreien, indem wir es wagen, unsere verdrängten Emotionen zu fühlen, auch unsere Angst vor und unsere verbotene Wut auf unsere Eltern, die uns oft terrorisiert haben in diesen langen Jahren, die die schönsten unseres Lebens hätten sein sollen. Wir können diese Jahre nicht nachholen. Aber indem wir uns der Wahrheit stellen, können wir unser inneres Kind, das voller Angst und Ablehnung ist, in einen Erwachsenen verwandeln, der seine Wahrheit kennt und daher verantwortungsvoll ist, der schließlich seine Empathie wiedergewonnen hat, derer man ihn so früh beraubt hat. Wenn wir Menschen werden, die ihre Geschichte gut kennen, können wir nicht mehr bestreiten, dass Kinder zu schlagen ein Verbrechen ist, das auf der ganzen Welt verboten werden sollte."

Alice Miller: Die Wurzeln der Gewalt sind nicht unbekannt (Flugblatt)

 

Wenn wir endlich Partei für das schweigende Kind in uns ergreifen und ihm eine Stimme geben, anstatt es weiterhin zu vernachlässigen, wird es nicht mehr ständig mit körperlichen Symptomen auf sein Leid aufmerksam machen.

 

"Unsere Symptome sind die ungehörte Sprache des Kindes, das die ganze Wahrheit kennt und unseren Respekt erwartet. Wenn wir das Kind nicht mehr im Stich lassen wollen, sondern ihm die Achtung geben, auf die es so lange schon wartet, braucht es keine Symptome mehr. Es muss unsere Empörung hören und zwar eindeutig, ohne wenn und aber. Dafür brauchen wir einen Begleiter auf diesem Weg, einen wissenden Zeugen, der unsere Empörung über die Eltern teilen kann, der uns unterstützt und der nicht aus Angst vor der Strafe seiner eigenen Eltern in die analytische Neutralität flüchtet."

Alice Miller: Körper und Moral; 2003

 

Ein guter Therapeut kann ein solcher Zeuge sein und seinem Klienten dabei helfen, sich von den alten Anpassungsmustern zu befreien. Er macht es ihm möglich, auf sein inneres Kind einzugehen, sodass der Betroffene womoglich zum ersten Mal erfährt, was es bedeutet, sein wahres Selbst zu spüren.

 

"Wenn ich meine Reaktionen, Handlungen, Entscheidungen und Gefühle selbst verstehe, kann ich mir oder dem Kind in mir etwas geben, das die Eltern immer versagt haben. Dies behebt nicht den frühen Mangel, weil dieser in der Vergangenheit bereits stattgefunden hat, aber die reifende Kommunikation mit sich selbst führt dazu, dass ein Mensch zunehmend weniger sein Unglück bei anderen deponieren oder mit anderen wiederholen muss. Das Verständnis für die eigene Geschichte bringt einen Zuwachs an Autonomie mit sich."

Alice Miller: Abschied von den Eltern; 2004

 

Als Erwachsene haben wir bessere Optionen, als die Verleugnung und können uns bewusst für einen gesunden Umgang mit uns selbst entscheiden, anstatt uns vom Unterbewusstsein machtlos treiben zu lassen.

 

Mit einem Trauma klarzukommen heißt nicht, es zu verdrängen, vergessen oder den Tätern zu vergeben, sondern die damit verbundenen Gefühle zuzulassen. Nicht wegzuhören, wenn das innere Kind einsam und verzweifelt nach uns schreit. Es stattdessen an die Hand zu nehmen und ihm zu erlauben, endlich gehört zu werden. Dafür muss das Erlebte nicht einmal inhaltlich aufgearbeitet werden, denn jeder sollte das Recht haben, seine Vergangenheit hinter sich zu lassen, anstatt sie immer wieder durchkauen zu müssen. Vielleicht ist das auch nicht mehr nötig, nachdem wir die schmerzhaften Gefühle endlich loslassen können.

 

 

P.S.: Du bist nicht allein, unzählige Menschen sind ebenso betroffen und stehen hinter dir!

... und jeder, der sich über mich und diesen Artikel aufregt, soll mir doch einfach vergeben!

 

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