Placebos & Co

5 Gründe, weshalb nutzlose Therapien scheinbar helfen

Wer's glaubt, wird gesund!

 

Mit dem zunehmend wachsenden Angebot an Trauma-Therapien müsste man meinen, dass es immer leichter wird, eine angemessene Behandlung zu erhalten. Natürlich habe ich mich darüber sehr gefreut. Vorerst. Denn die rasante Entwicklung wirft auch eine Frage auf, die Thomas Gruner in seinem Artikel über neue Therapienmethoden sehr treffend formuliert:

 

"Recherchiere ich heute zum Beispiel im Internet oder in Bibliotheken, stelle ich verblüfft fest, dass sich nun zahlreiche Analytiker, Verhaltenstherapeuten und Tiefenpsychologen der Behandlung ehemaliger Inzestopfer verschrieben haben. Diese Therapeuten „behandeln“ nun so ziemlich alles, von Sucht bis zu sexuellen Funktionsstörungen, von Ängsten bis zu Depressionen, vor allem aber „Traumafolgen“. Ich frage mich, ob es sich hier um einen echten Zuwachs an Erkenntnis handelt, oder ob in der Kindheit missbrauchte Menschen nicht vielmehr als Marktlücke entdeckt wurden."

 

Gerne würde ich diese Vermutung abweisen, jedoch zeigt sich ein ähnliches Vorgehen bei diversen Methoden, die derzeit bei manchen Trauma-Therapien eingesetzt werden. Patienten wird versprochen, dass sie mit dubiosen Mitteln, z.B. Cranio-Sacral, Geisterheilung, EMDR oder Hypnotherapie ihre Traumata bewältigen können, obwohl es dafür keine wissenschaftlichen Nachweise gibt. Die Befürworter verweisen zwar häufig auf medial anerkannte Erfolge, bei dessen Studien die üblichen Maßstäbe und Richtlinien jedoch nicht eingehalten wurden. Durch eine Verzerrung der Ergebnisse (Publikations-Bias) etablierte sich unter anderem auch EMDR, über dessen kontroverse Entwicklung bereits in dem Artikel "Täuschung für Fortgeschrittene" berichtet wurde.

 

Allerdings ist kaum zu übersehen, dass viele Patienten und Therapeuten positiv über umstrittene Behandlungsmethoden berichten, deshalb bleibt die Frage: Wie kann etwas wirkungsloses eine Wirkung erzielen, auch wenn die positiven Eigenschaften, die der Maßnahme zugeschrieben werden, gar nicht vorhanden sind?

 

Aus psychologischer Sicht gibt es für dieses Phänomen 5 einfache Erklärungen:

 

 

 

1) Placebo-Effekt

 

Der Placebo-Effekt spielt grundsätzlich bei allen Therapien eine Rolle und kann durch verschiedene Einflüsse, wie z.B. der Einrichtung des Therapieraums oder dem Bekanntheitsgrad des Therapeuten verstärkt werden. In vielen Studien konnte durch den Placebo-Efffekt sogar nachgewiesen werden, dass allein die hohen Kosten einer (Schein-)behandlung den Patienten glauben lassen, dass sich seine Symptomatik deutlich verbessert hat. “Glaube” ist hier der passende Begriff, da allein die Vorstellung einer Aussicht auf Heilung oder Besserung reicht, um den Selbstheilungsprozess anzuregen.

 

"Der Placeboforscher Bertrand Graz hält die Korrelation zwischen der positiven Erwartungshaltung des Arztes und dem Heilerfolg einer Behandlung für so bedeutsam, dass er für diesen Wirkfaktor eine neue Bezeichnung "curabo effect" (curabo: lat. "ich werde heilen" an Stelle von Placebo (lat. „ich werde gefallen“) vorschlägt." (Quelle: Wikipedia)

 

 

2) Gutes Timing

 

Viele posttraumatische Symptome sind für den Betroffenen nicht permanent, sondern eher temporär belastend, sodass bestimmte somatische Schmerzen und dissoziative Amnesien, je nach Belastungs- und Regulationsumfang, mehr oder weniger auftauchen und ebenso eine zeitlang verschwinden können. So kann es passieren, dass sich die Beschwerden nach einer therapeutischen Sitzung tatsächlich minimiert haben und dieser Effekt fälschlicherweise auf die Behandlung zurückgeführt wird. Die Symptomatik kann sich dann zu einem späteren Zeitpunkt wieder verstärken, was der Betroffene womöglich auf andere Ursachen zurückführen wird.

 

Dr. Elizabeth Losin hat in einer Studie herausgefunden, dass eine vertrauensvolle Nähe des Patienten zum Arzt hilft, um Schmerzen zu reduzieren. Je mehr Gemeinsamkeiten zwischen Arzt und Patient bestehen und umso größer das Vertrauen ist, desto weniger Schmerzen empfindet der Patient bei einer Behandlung.

 

 

3) Wohlfühl-Effekt

 

Situationen und Methoden, die wir als angenehm empfinden, erwecken durch das Freisetzen von Glückshormonen den Eindruck, dass sie uns gut tun. EMDR, Hypnose und homöophatische Sitzungen laufen grundsätzlich sehr entspannt und in einer ruhigen Umgebung ab, also einem Umfeld, wie es im Alltag oder auf der Arbeit selten vorzufinden ist. Auch das offene Gespräch mit einem Fachmann sorgt für Erleichterung, wenn man sich verstanden und somit weniger angespannt fühlt. Der Betroffene wird in der Behandlung ernst genommen, ihm wird aufmerksam zugehört, wodurch er sich automatisch wohl fühlt und diesen positiven Effekt womöglich auf die Behandlungsform zurückführt.

 

Die Vorbereitungsphase von EMDR besteht beispielsweise daraus, "eine therapeutische Beziehung herzustellen, die EMDR-Prozesse und ihre Wirkungen zu erläutern, Entspannung zu induzieren und dem Klienten zu helfen, ein Gefühl der Sicherheit in der aktuellen Situation zu entwickeln." (Shapiro, 1998, S. 104). So gesehen, ist dem Patient mit den Elementen der Vorbereitungsphase durchaus geholfen. Die Behandlung an sich ist jedoch wirkungslos.

 

 

4) Passivität

 

Machen wir uns nichts vor: Menschen sind von Natur aus träge. Je weniger wir uns anstrengen und verausgaben müssen, umso besser. Das scheint auch in einigen Praxen gut anzukommen. Bei EMDR hat weder der Therapeut, noch der Patient viel zu tun. Grundsätzlich finden Methoden, sei es in der Therapie oder anderen Bereichen, schon vor dem Beginn eine höhere Akzeptanz, je weniger die Beteiligten dafür aufwenden oder aktiv sein müssen. So ist es für den Therapeuten von Vorteil, dass er sich nicht mit dem grausamen Schicksal des Klienten auseinandersetzen muss und stattdessen nur seinen Finger pendeln lässt. Der Patient hat dem Finger lediglich zu folgen und muss dabei kaum etwas von sich preisgeben.

 

Eine Studie von Gaurav Suri belegt die Tendenz zur Trägheit: „Menschen bevorzugen üblicherweise Passivität“, sagt der Psychologe, „deshalb entscheiden sie sich auch für jene Optionen, für die sie nichts tun müssen.“ Er stellte in seiner Studie fest, dass die Probanden sogar lieber Schmerz in Kauf nahmen, als etwas an ihrer aktuellen Situation zu verändern.

 

 

5) Bestätigungs-Effekt

 

Wer sich bereits eine Meinung gebildet hat (oder hat bilden lassen), findet in den unendlichen Weiten des Internets fast immer eine Bestätigung für seine Theorien. Viele Patienten und Therapeuten glauben an die Wirkung von Homöoathie oder EMDR aufgrund der leicht recherchierbaren positiven Studien, sodass die Methoden zunehmend in der Öffentlichkeit anerkannt und akzeptiert werden. Die Kritik seriöser Wissenschaftler findet man dagegen nur mit viel Aufwand und selten in der eigenen Sprache übersetzt. Die Geschichte zeigt uns jedoch, dass es schwere Nachwirkungen haben kann, sich ohne Faktenanalyse der Meinung einer Masse anzuschließen, denn nur weil viele Menschen etwas annehmen, muss es nicht zwangsläufig richtig sein.

 

Das Konformitäts-Experiment des Sozialpsychologen S. Eliot Asch zeigte, dass Menschen aus Angst vor Ablehnung generell dazu neigen, sich der mehrheitlichen Meinung anzupassen, selbst wenn diese offensichtlich falsch ist. Diese kollektive Unterordnung wird umgangssprachlich auch als "Gruppenzwang" bezeichnet.

 

 

 

Fazit

 

Das subjektive Empfinden eines Patienten hat nachweislich größere Auswirkungen auf sein klinisches Krankheitsbild, als bisher vermutet wurde. Es ist daher wenig relevant, für welche Therapie sich ein Patient entscheidet - aber es ist notwendig, dass er an die Wirksamkeit der Behandlung glaubt, um einen positiven Effekt zu erreichen. Maßgeblich dafür ist seine psychologische Konditionierung, anders gesagt: Die Haltung zu den angewendeten Methoden und die Beziehung zu seinem Arzt oder Therapeuten spielen eine große Rolle.

 

Entscheidend dafür sind die Sympathie, Kompetenz und Überzeugung des Arztes. Das Arzt-Patienten-Verhältnis steht oft im Zentrum des Heilungsprozesses, mitunter sogar mehr, als die Therapie selbst. Wenn der Patient intuitiv das gute Gefühl hat, dass der Arzt ihm wirklich helfen kann, weil dieser aufmerksam zuhört, sich respektvoll zuwendet und Verständnis aufbringt, wirkt sich das natürlich auch positiv auf die gesamte Behandlung aus.

 

Ebenso sind auch alle bisherigen Erfahrungen des Patienten bedeutsam, respektive Erlebnisse, die in der Vergangenheit als positiv bewertet wurden. Ein Mensch, der davon überzeugt ist, dass eine bestimmte Therapie, ein Medikament, Gott (oder metaphysische Energiequellen aus dem Weltall) seine Probleme mindern, wird sich diesen Glauben durch die oben genannten Effekte selbst bestätigen. So mancher Befürworter wird dann versuchen, weitere Menschen von seinem Glauben zu überzeugen, auch wenn er nicht durch die gewählte Methode, aber womöglich durch die Freisetzung körpereigener Neurotransmitter tatsächlich eine Besserung erfahren hat (siehe Suggestiv-Effekt oder Hawthorne-Effekt).

 

Andersrum lässt sich daraus auch schließen, dass ein Patient, der generell nicht mehr daran glaubt, dass man ihm helfen könnte, wahrscheinlich auch mit den besten Ärzten und Therapeuten niemals von seinen Symptomen befreit werden kann.

 

Vertrauen und Zuversicht wirken deutlich stärker auf unser Nervensystem, als wir bisher annahmen. Eine Symptomatik kann ebenso durch völlig absurde Mittel verbessert werden, z.B. wenn man tagsüber einen Einkaufskorb auf dem Kopf trägt oder jeden Tag zwei Esslöffel Mehl in sein Wasser mischt - vorausgesetzt, man glaubt, dass dies wirklich helfen würde. Demnach werden einem sachverständigen Menschen solche oder ähnliche Methoden, wie auch EMDR, Hypnose oder Homöopathie nicht weiterbringen, jedoch gibt es selbst für den größten Skeptiker geeignete Maßnahmen, die den Heilungsprozess in Gang bringen oder beschleunigen können.

 

Dies ermöglicht beispielsweise eine Verbesserung der eigenen Resilienz, also der psychischen Abwehrkraft eines Menschen. Sie wird verstärkt, wenn wir (trotz aller Hindernisse) das Gefühl haben, etwas in unserem Umfeld bewirken oder beeinflussen zu können. Das Überwinden von Krisen und die Erfahrung neuer Herausforderungen (inklusive einem gelassenen Umgang mit Mißerfolgen) führen gleichermaßen zu einem besseren Selbstvertrauen. Weitere Bestandteile einer starken Resilienz sind Akzeptanz, Verantwortung (bei sich selbst und nicht bei dem Arzt oder Therapeuten), Selbstregulation und lösungs- sowie zukunftsorientiertes Denken.

 

Dabei helfen uns 3 Arten wichtiger Ressourcen: Äußere Ressourcen (Arbeit, Gesundheit, Natur, Musik, Meditation), interpersonelle soziale Ressourcen (Freunde, Partner, Vereine) und persönliche Ressourcen (Fähigkeiten, Stärken, Interessen, Lebensziele).

 

Mit diesem Wissen können wir uns jede Menge Nebenwirkungen, Zeit und Geld sparen und eine Therapie als das betrachten, wofür sie ursprünglich gedacht ist: Eine Hilfestellung und Begleitung, um zurück in ein selbstbestimmtes, gestaltbares und sinnhaftes Leben zu finden, indem wir uns selbst und unsere Abgründe besser verstehen und achtsam lernen, Schritt für Schritt damit umzugehen. Eine Therapie kann dabei durchaus helfen.

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