Allgemein

Wie entsteht eine multiple Persönlichkeit?

Psychologie, Neurologie, Biochemie und Epigenetik

 

 

Psychologie - Die unmögliche Anpassung

 

Die Identität eines Menschen ist kein statischer Komplex, sie ist vielmehr ein laufender Prozess, der von der eigenen Wahrnehmung gesteuert wird. Vor allem das soziale Umfeld spielt in den ersten Lebensjahren, während der vollständigen Entwicklung des Gehirns, eine sehr große Rolle. Ein Kind kann noch nicht unterscheiden, was richtig ist und was falsch und ist daher auf die Resonanz seiner Eltern angewiesen. Michaela Huber hat dies in einem anschaulichen Beispiel beschrieben:

"Die kleine Sarah ist ein unerwünschtes Nachzügler-Kind. Ihre Mutter überlässt sie schon als Baby weitgehend sich selbst. Wenn Sarah in Not gerät, nützt ihr kein Quengeln, sondern sie muss laut schreien, damit sie vielleicht – vielleicht! – bekommt, was sie braucht. Ihre Mutter findet, Sarah sei ein „nerviges Kind“. Sie lässt sie oft schreien (keine Reaktion); manchmal gibt sie ihr, was sie braucht, vielleicht sogar – wenn sie gut gelaunt ist – mit der anerkennenden Bemerkung: „Du bist aber durchsetzungsfähig!“ (positive Reaktion); aber es kann genauso gut sein, dass sie das Kind schlägt: „Sei endlich ruhig – du bist ein unerträgliches Kind, so mag dich keiner!“ (negative Reaktion).

Sarah ist verwirrt. Sie kann nicht bestimmen, wie ein unangenehmer Zustand aufhört, kann einen angenehmen nicht gezielt erreichen, weiß nicht, ob ihr Verhalten gut oder schlecht – daher auch nicht, ob sie selbst „gut“ oder „böse“ ist… Aber da Sarah über eine gute Dissoziationsfähigkeit verfügt, schafft sie sich unterschiedliche Ich-Zustände. Sie achtet dabei sehr genau auf ihre Mutter: Was mag die Mutter jetzt gerade von ihr wollen? Und dann versucht sie, genau dieser Erwartung zu entsprechen. Statt sich also selbst zu sehen und ihr Innenleben zu ordnen (so bin ich nun mal – und das kann ich oder will ich nicht) lernt Sarah, sich selbst aus der Perspektive einer jeweils anderen zu sehen. Oder auch nur aus der Vorstellung davon, wie die anderen sie vielleicht sehen oder haben wollen. Aber das „böse Kind“ gibt es auch, und das kommt dann manchmal zum Vorschein und tut auch etwas Böses."

M. Huber (2009), S 126 ff

Wird ein Kind ständig mit aversien Reizen überflutet, ohne fliehen oder dagegen ankämpfen zu können, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sich dieser traumatische Stress auf seine gesamte Persönlichkeit auswirkt. Die nach Jeffrey Younts Schema erstellten Zusammenhänge von Arnoud Arntz (siehe unten) verdeutlichen, dass sich bereits harmlose Verhaltensweisen bei der Erziehung auf das gesamte Bewusstsein, bzw. Weltbild eines Menschen auswirken können:

Typische Schemata nach Jeffrey E. Young

 

Eltern verhalten sich unvorhersehbar oder uninteressiert

> Befürchtung, nahestehende Menschen zu verlieren oder verlassen zu werden

 

Eltern beurteilen das Kind überkritisch

> Perfektionismus und rigide Regeln, denen jeder gerecht werden soll

 

Eltern waren pessimistisch

> Negativismus, stete Alarmbereitschaft und Besorgnis

 

Eltern knüpfen Liebe und Akzeptanz an Bedingungen

> Unterordnung und Ausrichtung an den Wünschen und Meinungen anderer

Hierdurch wird besser vorstellbar, welche Folgen demnach eine schwere Misshandlung des Kindes hinterlassen kann. Etwa 10% der Deutschen erlebte in jungen Jahren emotionalen, sexuellen oder körperlichen Missbrauch, von Vernachlässigung berichteten sogar mehr als 20%. Vor dem fünften Lebensjahr hat ein dysfunktionales Elternhaus die schlimmsten Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung. So kann z.B. eine psychische Erkrankung oder Alkohollismus eines Elternteils, sowie eine unzureichende, misshandelnde oder häufig wechselnde Bezugspersonen dissoziative Bewältigungsstrategien des Kindes verschlimmern. Insbesondere durch sexuellen Missbrauch, den überwiegend Frauen erleiden, wird die gesamte Entwicklung beeinträchtigt. Eine solche Verletztung betrifft ihr Grenzerleben, ihre Würde, Beziehungsfähigkeit, Wahrnehmung, Lebenseinstellung und vor allem das Selbstwertgefühl.

"Je stärker es durch die Abspaltung von Persönlichkeitsanteilen zu einer Dezentrierung des gesamten Organismus kommt, je häufiger ungeordnetes Verhalten und Katastrophenreaktionen auftreten und je weniger das Empfinden von Adäquatheit in der Welt erlebt wird, desto mehr wird sich die Tendenz zur Selbstaktualisierung zu einer Tendenz zur bloßen Selbsterhaltung verändern; Angst oder Angstvermeidung werden die treibenden Kraft des Handelns, nicht mehr die Freude am Meistern von Schwierigkeiten."

Votsmeier-Röhr, 2004, S. 85

Entscheidend für eine pathologische Dissoziation sind also die Schwere, Heftigkeiit und individuelle Wahrnehmung der frühkindlichen Belastungen. Diese drei Prämissen können durch zusätzliche Faktoren, die mit dem Trauma verbunden sind, verstärkt werden. Beispielsweise durch moralische Konflikte, einem Abhängigkeitsverhältnis zum Täter, ritueller Gewalt durch mehrere Täter, sowie der Ignoranz und Abwertung des sozialen Umfelds. Derart heftige Eindrücke führen zu einer vorrübergehenden oder gänzlichen Unterbrechung der Integration kognitiver Vorgänge:

"Dissoziation kann das Bewusstsein und das Erleben des eigenen Körpers, der Welt, der Psyche, Eigenständigkeit, Absichten, des Denkens, Glaubens, Wissens, Erkennens, Erinnerns, Fühlens, Wollens, Sprechens, Ausführens, Hörens, Sehens, Riechens, Schmeckens, Erfühlens usw. auf unerwartete Weise unterbrechen, verändern oder darin einbrechen."

U. Gast, G. Wirtz (2016); S. 24

Ein Kind ist weder fähig, solche Eindrücke zu verstehen oder zu verarbeiten, was zur Folge haben kann, dass es sich in einen tranceartigen Zustand rettet, um die Situation zu ertragen. Es erschafft sich im alltäglichen Terror gewissermaßen eine zweite, innere Wirklichkeit um die "heile Welt" halluzinatorisch aufrecht zu halten. Im Schutz der Traumwelt entwirft es fantasievolle Projektionsfiguren, die zu diesem Zeitpunkt die Situation bewältigen, aber später zu kompletten Persönlichkeitsanteilen heranreifen können. Hat sich diese Bewältigungsstrategie durch wiederkehrende Belastungen über einen langen Zeitraum hinweg manifestiert, wird sie irgendwann eine automatische Reaktion auf sätmliche Stress-Situationen und verstärkt dabei zunehmend die Autonomie der Persönlichkeitsanteile.

"Jeder Persönlichkeitsanteil ist durch ein relativ stabiles [...] Muster neuropsychophysiologischer Aktivierung organisiert und mit diesem assoziiert, das auch wichtige psychodynamische Inhalte besitzt. Er fungiert sowohl als Empfänger, Prozessor als auch als Speicher für Wahrnehmungen, Erfahrungen und das Verarbeiten dieser im Zusammenhang mit früheren und/oder auch mit aktuellen und erwarteten Ereignissen und Gedanken. Er besitzt ein Gefühl der eigenen Identität und Vorstellungen und eine Fähigkeit, eigene Denkprozesse und Aktionen in Gang zu setzen.“

R.P. Kluft, 1988, S. 55 f

Unter diesen Umständen wird es dem Betrofffenen auch im Erwachsenenalter schwer fallen, eine Struktur in sein Leben zu bringen. Womöglich schafft er es, einen geregelten Alltag zu führen, jedoch wird er unentwegt mit schweren Symptomen kämpfen müssen, bis er erstmals über die Ursache seiner Zusammenbrüche, Angstzustände, Schmerzen und Psychosen aufgeklärt wird.

"In letzter Zeit war ihr quälend bewusst geworden, wie kalt sie sich innerlich fühlte. Als ihre kleine Tochter bei den ersten Gehversuchen stolperte und sich wehtat, spürte sie überhaupt kein Mitleid, kein Bedauern. Stattdessen Gleichgültigkeit und automatische Reaktionen wie ein Roboter."

U. Gast (2016), S.3

Die Spaltung in verschiedene Persönlichkeitsanteile ist also keine "Störung", sondern ein notwendiger Schutz-Reflex, der bei jedem Menschen von Natur aus angelegt wurde. Dieser Mechanismus kann einem Betroffenem jedoch zum Verhängnis werden, wenn er sich über Jahre hinweg in seiner Psyche manifestiert.

 

 

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Neurologie - Defekte Hardware im Kopf

 

Durch seine Plastizität wächst das Gehirn ein Leben lang. Dabei ist es durch einen komplexen neuronalen Schaltkreis in der Lage, sich mit der Informationsübertragung von Synapse zu Synapse selbst zu organisieren und zielgerichtet sein Handeln und Denken zu steuern.

 

In der ersten Hälfte der Schwangerschaft entsteht die Mehrzahl der Gehrinzellen. Bis zum 2. Lebensjahr verschalten sich zahlreiche Neuronen miteinander, wobei Synapsen, die selten aktiviert werden, verkümmern, während häufig ausgeübte Verhaltensmuster bestehende Vernetztungen stärken. In dieser Zeit entwickelt sich ebenfalls das Bewusstsein über den Abgleich von Spiegelneuronen mit dem sozialen Umfeld. Die Identität wird also zunächst durch den Austausch anderer Identitäten geformt. Es erlernt durch seine nächsten Bezugspersonen systematisch, Gefahren einzuschätzen um passend darauf zu reagieren (ist es harmlos oder ist Flucht oder Angriff ratsam).

 

Auch nach der Geburt ist das Bewusstsein eines Kindes für richtiges oder falsches Verhalten noch völlig unbeschrieben, es orientert sich vollkommen an den Vorgaben seiner Eltern, da es die Sachverhalte um ihn herum noch nicht begreifen kann. Erhält ein Kind in dieser Zeit kaum Wertschätzung und bekommt immer wieder vermittelnt, dass es unerwünscht ist und seine Bedürfnisse unangebracht sind oder wird zum Opfer von Gewalt und Missbrauch, wird es unmöglich lernen können, seine Gefühle wahrzunehmen und sich selbst oder anderen Personen zu vertrauen. Er braucht also eine tröstende, beruhigende Person, damit sein Nervensystem gesunde Möglichkeiten findet, negative Emotionen auf verschiedene Arten zu regulieren.

Alle wahrgenommen Informationen werden im Gehirn auf zwei unterschiedlich schnellen Wegen parallel verarbeitet. Die wahrgenommene potentielle Gefahr wird auf direktem Weg über den Thalamus an die Amygdala (Gefühlszentrum des limbischen Systems) weitergeleitet und gleichzeitig in einer deutlich langsameren Geschwindigkeit über den sensorischen Kortex an den Hippocampus (Speicher von Kontextinformationen) gesendet.

 

Das heißt, noch bevor wir uns bewusst sind, dass der schwarze Mann vor dem Fenster nur der Postbote ist,

schickt die Amygdala ein Signal an den Hypothalamus, der den Körper zu einer sofortigen Reaktion (Flucht über den Nucleus centralis oder Erstarren über den Nucleus basalis) zwingt, bevor die Information (Postträger mit Rechnungen ist vielleicht unwillkommen, aber harmlos) mit dem Gedächtnis abgeglichen und dem Mann die Tür geöffnet wird. In diesem Fall hat sich, nachdem Sie wahrscheinlich zusammengeschreckt sind, am Ende der Hippocampus durchgesetzt, indem er die unbegründete Angst der Amygdala mit der Ausschüttung beruhigender Wirkstoffe dämpft. Das Hirn berauscht sich also mit körpereigenen Drogen, was auch erklären könnte, warum sich manche Menschen gerne bewusst Angst-Situationen aussetzen, indem sie Bungee springen oder Achterbahn fahren.

 

Die Amygdala ist bereits mit der Geburt vollständig entwickelt, während der Hippocampus erst im 3. Lebensjahr und der Präfrontallappen sogar erst nach 25 Jahren vollständig entwickelt ist. Während der Kindheit ist also noch völlig offen, wie Eindrücke im späteren Leben verarbeitet werden. Bei multiplen Menschen konnte durch Ellert Nijenhuis belegt werden, dass die Amygdala überaktiv sind, während der Hippocampus unterdurchschnittlich aktiv ist. Durch die erlebten Traumata und den damit verbundenen chronischen Stress wird die Aktivität des Hippocampus zunehmend heruntergefahren oder schaltet sich völlig ab, um bestimmte Erfahrungen nicht in das Bewusstsein zu integrieren, auch wenn sie daneben – dissoziiert – in Form von Fragmenten weiterhin bestehen.

"Im Gegensatz zum integrativen narrativen Gedächtnis (Hippocampus), bleiben traumatische Erfahrungen ohne Sprache, unflexibel, automatisch durch Reize ausgelöst und losgelöst von der normalen Erfahrung."

Van der Kolk & Van der Hart (1991)

Traumatische Erinnerungen und affektive Reaktionen wie Angst werden vom präfrontalen Kortex defizitär in das explizite Gedächtnis im medialen Teil des Temporallappens gespeichert, wo sie nicht mehr gelöscht, sondern nur noch mit dem Befehl des Brodman-Areals 47 im orbitofrontalen Kortex gehemmt werden können, indem die Amygdala mit einer großen Ladung Opioide aus dem Hippocampus überschüttet wird.

 

Der orbitofrontale Kortex spielt bei dissoziativen Störungen als Vermittler zwischen "Gefühl" und "Verstand" eine wichtige Schlüsselrolle. Er befindet sich als Teil des präfrontalen Kortex direkt über der Augenhöle (Orbita) und ist als höchste Kontroll-Instanz des limbischen Systems für die Analyse und Überwachung aller eingehenden Wahrnehmungen zuständig. Er vergleicht über Faserverbindungen verschiedene Gedächtnisinhalte aus dem Hippocampus mit emotionalen Bewertungen der Amygdala und reguliert mit diesen Informationen die Emotions- und Verhaltenskontrolle. Damit besteht seine größte Aufgabe darin, das Verhalten eines Menschen flexibel und zielgerichtet an neue Erfahrungen anzupassen. Um sich gesund zu entwickeln und ein intaktes Nezwerk zu anderen Hirnregionen ausbauen zu können, ist eine gesunde Bindung zu einem anderen Menschen notwendig. Ständige Angst und ambivalentes Verhalten führen zu einer massiven Funktionsbeeinträchtigung, die zu schweren Persönlichkeitsstörungen führen kann.

 

Menschen, die in ihrer Kindheit schwere Traumata erlebten, besitzten im Schnitt einen kleineren und weniger aktiven präfrontalen Kortex. Bei Unfallopfern, die wegen einer Verletzung dieses Areals behandelt wurden, konnte man starke Veränderungen der Persönlichkeit beobachten. Da die Auswirkungen jedoch aufgrund von Läsionen hervorgerufen wurden, spricht man dabei von einer Pseudo-Psychopathie, bzw. Pseudo-Depression. Hierbei könnten sich gemischte Gefühlszustände von bipolaren Störungen, Borderline oder DiS erklären:

Pseudo-Depression

 

  • Motorische Verlangsamung
  • Sprechverarmung
  • Apathie (Teilnahmslosigkeit)
  • Niedergedrückte Grundstimmung
  • Selbstablehnung
  • Gefühllosigkeit und Gleichgültigkeit
  • Appetit- und Gewichtsverlust
  • Energie- und Interessenverlust
  • Verlust von Initiative, verminderte Libido
  • Vernachlässigung des Erscheinungsbilds
  • Sozialer Rückzug
  • Abulie (Entscheidungsunfähigkeit)
  • Konzentrationsstörungen
  • Schlafstörungen
  • Müdigkeit

Pseudo-Psychopathie

 

  • Hyperaktivität
  • Motorische Unruhe
  • Gesteigerte Sprechaktivität (Logorrhoe)
  • Manische, euphorische Grundstimmung
  • Paranoide Wahnvorstellungen
  • Selbstüberschätzung, Größenwahn
  • Aggressionsausbrüche
  • Pathologisches Lachen und Weinen
  • Hypersexualität
  • Kritiklosigkeit, mangelndes Taktgefühl
  • Nichtbeachtung sozialer Konventionen
  • Unreifes und enthemmtes Auftreten
  • Redseligkeit, Vulgärsprache
  • Verstärkte Ablenkbarkeit
  • Vermindertes Schlafbedürfnis“

https://de.wikipedia.org/wiki/Frontalhirnsyndrom

Kurzum: Ist der präfrontale Kortex, aus welchen Gründen auch immer, beeinträchtigt, werden rationales und emotionales Erkennen voneinander unabhängig, denn unser Bewusstsein baut auf die persönliche emotionale Färbung der Welt. Ob ein Reiz relevant ist oder nicht, kann ohne diesen Abgleich nicht mehr analysiert und gesteuert werden. Es kann nicht beurteilt werden, ob sich etwas lohnt oder schlimme Konsequenzen hat, wenn die exekutive Funktion des orbifrontalen Kortex Urlaub macht. Das Gehrin befindet sich zeitweilig im Autopilotmodus oder es herrscht Anarchie, bis sich ein anderes Areal durchsetzt.

 

Wird die Verarbeitung von Emotionen blockiert, erleben wir in diesem Moment eine Gefühlstaubheit und empfinden die Welt als irreal. Hinter dem schwer encodierbaren Derealisations-Empfinden steckt also nichts weiter, als eine immense Anpassungsleistung des Gehirns, um unaushaltbare Situationen zu bewältigen.

Mit Verlaub...

 

Forscher suchen wie besessen nach neuropathologischen Ursachen verschiedener Persönlichkeitsstörungen. Sicherlich spielen Hirnanomalien eine bedeutende Rolle, um Krankheiten verstehen und bewerten zu können, doch für die Behandlung eines Patienten haben die ganzen Fakten hinter den bunten EEG-Bildchen kaum einen Zweck. Trotzdem liegt der Schwerpunkt psychiatrischer Forschung seit vielen Jahren auf evidenzbasierter Medizin und der Untersuchung neuronaler Prozesse.

 

Wir können noch Millionen Daten erheben und mit Neuroimaging-Hightech animierte Gehirnregionen zeigen, die wie ein Weihnachtsbaum aufleuchten, doch die Betroffenen werden kaum davon profitieren. Selbst, wenn jeder einzelene Prozess genaustens erklären werden könnte, wird Ihnen niemand eine Operation am Gehirn empfehlen. Die bereits gelegten neuronalen Verschaltungen determieren weder unser Verhalten, noch legen sie unser zukünftiges Handlen fest. Ganz im Gegenteil: Durch die bereits zu Beginn erwähnte Plastizität des Gehirns, ist es DIS-Betroffenen in jedem Lebensalter möglich, selektiven Beeinträchtigungen kognitiver Funktionen durch soziale Bindung, mentales Training und einer gesunden Lebensweise entgegenzuwirken.

 

Immerhin konnten Ellert Nijenhuis und sein Team durch bildgebende Verfahren nachweisen, dass sich neurophysiologische Parameter, z.B. die Gehirnströme einer multiplen Person signifikant unterscheiden, da die unterschiedlichen Identitäten einer Person offenbar jeweils eigene Nervenbahnen verwenden. Durch die Inkohärenz der EEG-Ströme konnte zudem widerlegt werden, dass manche Patienten eine DIS simulieren könnten, sodass die bis dahin weitverbreitete Iatrogenese-Theorie der Erkrankung ausgeschlossen werden kann. Multiple Patienten werden allerdings selten durch EEGs auf verschiedene Personenanteile getestet.

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Biochemie - Die berühmte Stoffwechselstörung

 

Alle Synapsen in unserem Körper kommunizieren über eine neurochemische Transmission. Dabei wird ein Signal zu einem präsynaptischen Neuron gesendet, welches mit der Ausschüttung von chemischen Botenstoffen (Transmittern) der Vesikel in den synaptischen Spalt reagiert. Dauerhafter Stress kann zu einer unkontrollierten Ausschüttung dieser Transmitter führen, sodass es zu Veränderungen der neuronalen Reizbarkeit eines Rezeptors (Neuromodulation) durch die Aktivierung anderer Rezeptoren oder Ionenkanäle kommt.

 

In der Kindheit erlebte Traumata beeinträchtigen die gesamte molekulare Organisation im Gehirn und somit alle biochemischen Mechanismen, sowie die Stressresistenz eines Menschen. Dieser Einfluss beginnt schon vor der Geburt, denn die Funktion dieses Systems wird bereits durch den Stresspegel der Mutter während der Schwangerschaft geprägt und entscheidet, wie gut das Neugeborene später mit Belastungen umgehen kann.

 

Vor allem die Struktur der Rezeptoren in der Amygdala wird bei einem hohen Stresspegel der Mutter schwer beeinträchtigt. Die Amygdala reagiert auf Gamma-Amino-Buttersäure (GABA), einem hemmenden Neurotransmitter des zentralen Nervensystems, der die elektrische Aktivität der Neuronen mindert. Dabei wird Phenylalanin über Tyrosin und Dopa zu Dopamin synthetisiert und durch die Anregung des Nervensystems über Enzyme im Nebennierenmark zu Noradrenalin oder Adrenalin umgewandelt und in der Blutbahn freigesetzt.

 

Kommt es durch ein hohes Stressniveau zu einer Fehlregulation, wird die Amygdala schneller durch Affektüberflutungen überreizt, sodass es bei dem Kind zu schweren Panikattacken und Krampfanfällen kommen kann. Ist das Kind ständig unkontrollierbaren Angstzuständen ausgesetzt, reagiert die Amygdala mit einer vermehrten Produktion der Stresshormone Noradrenalin und Dopamin. Durch diese permanente Aktivierung kommt es immer häufiger zu Ausfällen des präfrontalen Kortex und es können Symptome von Depressionen, Amnesien und Psychosen auftreten.

 

Die an Kindern ausgeübte Gewalt schlägt zurück

auf die Gesellschaft, die so etwas zulässt

Wie wir uns bei Angst verhalten (Aggression, Impulskontrolle, Stimmung) wird auch von dem serotonergen System mitbestimmt. Der dafür zuständige Neurotransmitter Serotonin wird über Enzyme aus Tryptophan hergestellt und ist im gesamten Kortex zu finden. Ebenso sind endogene (körpereigene) Opioide die im Hypothalamus und der Hypophyse produziert werden, zuständig, den Körper vor Stress zu schützen und Schmerzen zu dämpfen. Wird zuviel davon freigesetzt, kann man sich das wie eine Opium-Überdosis im Gehirn vorstellen, die wie eine Narkose wirkt und häufig zu einer Anästhesie (Gefühlstaubheit im ganzen Körper) führt.

 

Be wiederholt traumatisierten Menschen senkt sich mit der Zeit die Zahl der Glukokortikoid-Rezeptoren im Hippocampus, was zu einer starken Beeinträchtigung der Ausschüttung des Stresshormons Cortisol führt. Cortisol bestimmt unter anderem unser Bindungsverhalten und die Fähigkeit, Gefühle zu erkennen und auszudrücken. Der Hippocampus verfügt über eine Vielzahl von Cortisol-Rezeptoren, doch unter ständiger Inanspruchnahme der Stressbewältigung fängt auch er an, langsam zu schwächeln.

 

Anhaltender psychischer Stress, bei dem die Amygdala ständig unter Anspannung steht und diesen Reiz an den Hippocampus weiterleitet, führt zunächst zu einem hohen Cortisolspiegel, der das Wachstum und die Regeneration von Nervenzellen stört, denn aus den Nebennieren ausgeschüttetes Cortisol gelangt durch die Blutbahn wiederrum ins Gehirn und verstärkt dort den Effekt. Der Organismus befindet sich in einem Teufelskreis. Der geschwächte Hippocampus reagiert immer weniger, wodurch der Stress weiter zunimmt und durch den hohen Cortisolspiegel weiterhin den Hippocampus schädigt. Groß angelegte Neuronen können sich in diesem Bereich verändern oder absterben, ebenso wird die Bildung neuer Körnerzellen verhindert, sodass der Hippocampus immer weniger reagiert.

 

Eine wichtige Rolle bei der Regulierung von Stress spielt auch das als "Kuschelhormon" bekannte Oxytocin. Es kann Angst reduzieren, indem es die Aktivität der Amygdala dämpft, um der angespannten Stimmung eines überforderten Kindes entgegenwirken. Durch eine häufige Ausschüttung wird die Verbindung des limbischen Systems mit den rationalen Instanzen gestärkt. Diese Fähigkeit wird durch die Mutter-Kind-Bindung in jungen Jahren geprägt, da Oxytoicin vor allem beim Stillen und liebevollen Miteinander im Gehirn des Säuglings freigesetzt wird. Bleiben solche Erfahrungen aus, wird zu wenig Oxytocin gebildet, sodass sich die neuronalen Netzwerke zur Emotionsregulation nicht richtig entwickeln. Dadurch können Defizite bei der Bewältigung von Gefühlen und Stress entstehen, die später entscheiden, ob sich ein Mensch in Beziehungen mit anderen sicher fühlt oder sie eher vermeidet.

 

Schwere anhaltende psychische Belastungen, die den Hormonhaushalt und Stoffwechsel eines Organismus immer wieder ins Ungleichgewicht bringen, beeinflussen ebenso das vegetative Nervensystem (Somatisierung). Sie bewirken eine Erhöung des Blutdrucks und Blutzuckers, führen zu Über- oder Untergewicht, Diabetes, Herz-Rhythmus-Störungen und haben zudem einen negativen Einfluss auf die Sehstärke, Verdauung und das Immunsystem.

Mit Verlaub...

 

Viele Psychiater glauben, dass Persönlichkeitsstörungen mit Stoffwechselstörungen im Gehirn gleichzusetzen sind und haben für jedes Symptom einen passenden Wirkstoff parat. Patienten, die einer medikamentösen Behandlung kritisch gegenüberstehen und sich umfassend über die Präperate informieren wollen, werden sehr viel Zeit in eine Recherche investieren müssen und anschließend wahrscheinlich immer noch nicht schlauer sein, als zuvor. Überall werden hochwirksame Wirkstoffe angepriesen, doch schaut man auf die Studien hinter den brisanten Schlagzeilen, kehrt schnell Ernüchterung ein.

 

Der Nutzen eines Medikaments sollte größer sein, als der Schaden

Unabhängige Organisationen kritisieren, dass mehr als die Hälfte aller durchgeführten Studien nie publiziert wurde und relevante Daten einiger Wirkstoffe dadurch nicht auffindbar sind. Ein Schelm, wer böses dabei denkt? Leider werden tatsächlich oft nur die Studien präsentiert, die den gewünschten Effet erzielten, sodass eine Medikamentenstudie, die einen höheren Schaden als Nutzen bewiesen hat oder keine Überlegenheit gegenüber anderen Behandlungen zeigt, einfach unter den Teppich gekehrt und so lange wiederholt wird, bis die Ergebnisse passen. Theoretisch kann ein Pharmaunternehmen eine Studie auf diese Weise tausend mal durchführen lassen, bis sich aus Zufall oder durch gezielt ausgewählte Studienteilnehmer eine Verbesserung der Symptome zeigt. Martin Eichler und seine Kollegen der medizinischen Universität Mainz äußerten sich im Deutschen Ärzteblatt dazu:

 

"RCTs sind häufig hochselektiv. Sie bilden nicht das typische Patientenkollektiv ab, sondern konzentrieren sich auf jene, die wenige Komorbiditäten (Begleiterkrankungen) haben und so bessere Heilungschancen besitzen. RCTs sind idealisiert und entsprechen nicht der realen Situation. Auch werden Nebenwirkungen häufig nur ungenügend erhoben"

 

Wenn die negativen Effekte eines Wirkstoffes immer wieder unterschlagen werden, profitiert am Ende die Pharmaindustrie, die nun mit großen Schlagzeilen ihr neues Wunder-Medikament nach endlosen Studiendurchläufen auf den Markt bringen kann. Der Patienten ist eben doch nur ein Kunde, dem es etwas zu verkaufen gilt. Man verkauft ihm Hoffnung – denn es gibt kaum etwas, dass ein kranker Mensch mit schweren Problemen in solchen Situationen mehr braucht. Deshalb sind viele Patienten bereit, zahlreiche Nebenwirkungen auf sich zu nehmen. Leider sind auch viele Ärzte von der Wirksamkeit medizinischer Präperate überzeugt, nachdem sie die optimistischen Studien und Gratis-Packungen zum Anwerben der Patienten vorgelegt bekamen. Und seien Sie ehrlich.. was ist Ihnen lieber? Ein Arzt, der Sie ratlos anschaut und mit den Schultern zuckt oder einerr, der ihnen die passende Tablette für alle Probleme in die Hand drückt?

 

"Probleme kann man niemals mit der selben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind" sagte schon Albert Einstein. Trotzdem glauben wir bei der Einnahme von Psychopharmaka an dessen Wirksamkeit. In der Praxis sehen wir, dass Psychopharmaka oft willkürlich verschrieben, völlig unnötig oder viel zu lange eingenommen werden, dabei ist bis zur heutigen Zeit noch unklar, welche Transmitter tatsächlich bei der Aktivierung und Hemmung neuronaler Prozesse beteiligt sind. Zieht man unnabhängige Studien zum Vergleich heran, widersprechen sie den angeblich positiven Effekten und weisen sogar darauf hin, die Zustände vieler Patienten sogar zu verschlimmern. Tomas Insel, Direktor des National Institute for Mental Health schließt dazu ein ernüchterndes Fazit:

 

"Es gibt sehr wenige neue Moleküle, kaum neue Ideen und beinahe nichts, das hoffen ließe, die Behandlung psychischer Erkrankungen zu transformieren."

 

Einige Pharma-Unternehmen ziehen sich aus diesen Gründen bereits aus dem Geschäft zurück. Beispielsweise stellen bedeutende Hersteller wie Eli Lilly die Investitionen groß beworbener Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (Antidepressiva) aufgrund der mangelnden Wirksamkeit wieder ein, nachdem sie bereits milliarden Umsätze mit dem Pseudo-Medikament erzielt haben.

 

Glauben Sie keiner Studie, die Sie nicht selbst gefälscht haben

Zusammengefasst haben wir manipulierte Studien, fragwürdige Medikamente und ratlose Ärzte. Was machen wir nun damit? Nun, sicherlich möchte ich nicht jeden Wirkstoff verteufeln und die Kompetenz und Gewissenhaftigkeit eines Arztes in Frage stellen, doch damit Sie sich selbst eine Übersicht machen können, welche Behandlung Ihnen wirklich nutzen könnte, sind hier zwei Tipps:

 

Hinterfragen Sie generell Schlagzeilen und die ersten Treffer in Suchmaschinen, bevor Sie einem Arzt seinen Job erklären wollen. Erwarten Sie bitte nicht, dass er über jede Krankheit täglich tausend aktuelle Studien lesen kann. Fragen Sie lieber nach seiner Empfehlung und verschaffen Sie sich danach durch unabhängige Veröffentlichungen einen Überblick zu dem Präperat. Diese Möglichkeit bietet Ihnen zum Beispiel die Cochrane-Library, welche mit hohen wissenschaftlichen Standarts nicht nur positive Ergebnisse, sondern auch widersprüchliche Evidenz präsentiert, sodass Sie eine objektive Ansicht erhalten und eventuelle Bedenken anschließend mit Ihrem Arzt besprechen können.

 

Weiterhin gibt es die nicht ganz legale Möglichkeit, über Sci-Hub einen freien Zugang zu unzähligen wissenschaftlichen Publikationen zu erhalten. Natürlich sollten Sie das aus moralischen und strafrechtlichen Gründen nicht tun, genauso wie Sie keine Kinofilme im Internet streamen sollten. Wenn Ihnen (trotz meines erhobenen Zeigefingers) dennoch danach ist, können Sie einen Tor-Browser benutzen, damit Ihre IP nicht zurückverfolgt werden kann. Im besten Fall benutzen Sie zu Ihrem Schutz ein kostenloses Live-Betriebsystem wie Debian 9, damit sich keine Maleware verbreitet. Zudem macht es Sinn, im Browser oder beim Lesen im PDF-Reader immer das Ausführen von Skripten zu deaktivieren, damit sich keine versteckten Trojaner in Ihrem Rechner verirren.

 

Weiterführende Links:

PDF-eBook - Wo ist der Beweis? Plädoyer für eine evidenzbasierte Medizin

Studie - Reducing waste from incomplete or unusable reports of biomedical research

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Epigenetik - Das vererbte Trauma

 

Der Organismus eines ungeborenen Kindes lässt sich bekannter Weise durch die Ernährung, Mediamente und Umgebung der Mutter beeinflussen, doch seit einigen Jahren zeigen diverse Forschungsergebnisse, dass auch Stress über epigenetische Mechanismen weitergegeben wird.

 

Für jeden Menschen liegt ein eigener Bauplan mit verschiedenen Varianten von Genen vor (Polymorphismus), die über Proteinmoleküle gesteuert, angelegt werden. Diese Moleküle sind Anhängsel an den DNA-Basen und bestimmen, wie oft ein bestimmtes Gen abgelesen wird. Sie beeinflussen demnach nicht die DNA selbst, sondern nur die Aktivität der Gene.

 

Leidet die schwangere Mutter durch ein unsicheres Umfeld, Depressionen oder psychische Probleme, prägen diese Umstände den Säugling schon vor seiner Geburt. Wenn er ständig einer hohen Konzentration Cortisol ausgesetzt ist, weil die Mutter in der Schwangerschaft mit großen Belastungen zu kämpfen hat, werden an dem Gen für seinen Glukokortikoid-Rezeptor entsprechende Moleküle angebracht. Diese Methylgruppen verhindern das Ablesen des Gens, sodass weniger von dem Rezeptor-Protein das für den Cortisolspiegel zuständig ist, gebildet wird. Diese epigenetische Modulation wird später sein eigenes Hormonsystem prägen, indem es den Botenstoff schon bei geringer Belastung in großen Mengen freisetzt. Als Säugling wird er dadurch wahrscheinlich oft angespannt sein und sich nur schwer beruhigen können.

 

Gleichermaßen haben die genetischen Varianten des Serotonin- und Oxytozinrezeptors Einfluss auf das Empfinden des Säuglings. Hier wird vor allem “die Veranlagung” für soziales Verhalten und dem Erleben von Emotionen weitergegeben. Die für die Neurotransmitter kodierten Gene bestimmen, ob die Botenstoffe viel oder wenig Wirkung im synaptischen Spalt entfalten und geben damit vor, wie gut der Stoffwechsel funktioniert.

 

In den ersten Monaten nach der Geburt kann eine fürsorgliche Erziehung solchen Modifiizierungen entgegenwirken, sodass es trotz des ungünstigen Bauplans eine intakte Stressregulation entwickeln und ohne weitere Nachteile aufwachsen kann. Wird es jedoch immer wieder angstauslösenden Situationen ausgesetzt, in denen es hilflos auf sich allein gestellt bleibt, kann es dazu führen, dass durch das Ungleichgewicht des Hormonsystems auch die Entwicklung seines Gehrins stark beeinträchtigt wird.

Mit Verlaub...

 

Immer wieder stößt man auf Schlagzeilen, wie "traumatische Erlebnisse sind vererbbar" oder "Trauma im Mutterleib", jedoch wird damit schnell ein vorgefertigtes Schicksal in Form einer dauerhaften Fehlregulation des Stoffwechels in Verbindung gebracht, obwohl sich die Aktivität der Gene (im Gegensatz zur DNA) im Laufe des Lebens verändern lässt.

 

Die Schlagzeilen der Befunde suggerieren, dass epigenetische Veränderungen eine wichtige Rolle bei verschiedenen Erkrankungen spielen. Dabei reichen bereits 5 von 100 Personen, die in das systematisch gesuchte Muster passen, um von "signifikanten Effekten" zu sprechen. Genauso könnte ich die Behauptung aufstellen, dass 5 Prozent der Mütter mit einem schlechten Musikgeschmack später hässliche Kinder bekommen. Denken Sie gerade darüber nach? Glückwunsch, denn genau nach diesem Muster funktionieren die Erklärungen der Genetik-Forschung. Da man ihren Wahrheitsgehalt schlecht nachweisen kann, sollten sie maximal als vorläufige Erklärung betrachtet werden.

 

Was macht ein Zeitungsredakteur, wenn es im Sommerloch nichts zu berichten gibt, obwohl seine Karriere abhängig von den Verkaufszahlen der nächsten Ausgabe ist? Er wird wahrscheinlich sämtliche Banalitäten dramatisieren und dabei viel Fülltext nutzen, um die Seiten zu füllen. Zurück ins Labor: Was macht wohl ein Wissenschaftler, dessen Forschungen keine relevanten Ergebnisse brachten, obwohl seine Karriere abhängig davon ist, dass Investoren auch zukünftig mit Fördergeldern in seine Projetke investieren? Psst...

 

Wissenschaftler müssen ihre Studien verteidigen und das ist keinesfalls zu verübeln, denn ihre gesamte berufliche Entwicklung kann dabei auf dem Spiel stehen. Sie werden massiv unter Druck gesetzt, wenn keine aussagekräftigen Ergebnisse und Erfolge am laufenden Band geliefert werden. Auch die Medien sind selten an erfolglosen Studien interessiert und dagegen immer auf der Suche nach wirksamen Schlagzeilen, was sie oftmals ignorant gegenüber der Beweislage macht, solange die Verkaufszahlen stimmen.

 

"Forscherinnen und Forscher betrachten sich selbst als Projekt, das es für Fördermittel, Publikationspunkte und Medienaufmerksamkeit zu "verkaufen" gilt. So kleine Effekte sind keineswegs die Ausnahme, sondern die Regel in der Psychiatrie. [...] Die inzwischen weit fortgeschrittene Standardisierung und Automatisierung lebenswissenschaftlicher Forschung zusammen mit der Ausbeutung hochqualifizierter Nachwuchskräfte (Doktorandinnen und Doktoranden sowie Postdocs) kommen diesen Erwartungen zugute. Wer es dennoch nicht schafft, der hat kaum Karrierechancen oder fliegt sogar ganz raus. Das beflügelte Wort vom "publish or perish", publiziere oder gehe unter, wurde schon in den 1930/1940er Jahren formuliert."

Stephan Schleim - Die Krise der molekularbiologischen Psychiatrie, Veröffentlicht unter Telepolis

 

Ob das Trauma nun Spuren im Erbgt hinterlässt, sei also dahingestellt. Auch wenn aktuell wie besessen danach geforscht wird, werden Betroffene wahrscheinlich auch von diesen Antworten kaum einen Nutzen haben. Nun könnten Sie mich fragen, warum ich dennoch nächtelang in wissenschaftlichen Publikationen nach Lösungen gesucht, sämtliche Fachbücher bestellt und Ärzte konsultiert habe, um diese Zusammenfassung zu schreiben. Nunja, mir war es zunächst auch ein großes Anliegen, eine Ursache für meine Symptome zu finden, bis mir klar wurde, dass ich keine Antworten, sondern individuelle Lösungen brauche. Doch es hat schon etwas Beruhigendes, wenn die Fragezeichen hinter der Stirn verschwinden und man den Kopf wieder nach vorne richten und in die Zukunft blicken kann. Vielleicht hat es auch Ihnen geholfen, den Fokus von der Vergangenheit abzuwenden, egal wie viele Erklärungen uns die Wissenschaft für die Ursachen psychischer Störungen noch liefern wird.

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Fazit

 

Die Interaktionen zwischen neuronalen, endokrinen und genetischen Mechanismen prägen nicht nur unseren Organismus, sondern ebenso unsere gesamte Persönlichkeit. Die Identität eines Menschen unterliegt endlos vielen Einflussfaktoren, die sich wechselseitig beeinflussen. Für die Störung eines so hochkomplexen Systemes gibt es selten nur eine einzig wahre Erklärung, denn der gesamte Organismus ist darauf programmiert, sich bestmöglich an die äußeren Umstände anzupassen. Es gibt viele Zusammenhänge zwischen Umwelteinflüssen und Hirnprozessen, deshalb müssen sich psychologische, chemische und physikalische Theorien nicht widersprechen, sie können sich vielmehr durch interdisziplinäre Zusammenarbeit sinnvoll ergänzen.

 

Intellektueller Fortschritt setzt die Fähigkeit zur Unfolgsamkeit vorraus

Leider ist es in der Forschung oft wichtiger, massentaugliche Lösungen zu finden, statt sich mit der Individualität einzelner Patienten zu beschäftigen. Wir sollten nicht aus den Augen verlieren, dass standartisierte Behandlungen nicht bei jedem Menschen gleichermaßen wirksam sind. Einige kommen durch Ausdauersport zur Ruhe, andere chillen lieber in der Hängematte oder gehen auf Konzerte und multiple Menschen mögen (gesamt betrachtet) meist von allem etwas. Was für den einen funktioniert, ist für den nächsten vielleicht völlig ungeeignet. Anstatt nur die Symptome zu analysieren und auszuwerten, sollte ein ebenso scharfer Blick auf die Umgebung des Patienten gerichtet werden, denn häufig finden sich die meisten Ursachen akuter Probleme in seinem direkten Umfeld.

"Wie viele Diagnosen ließen sich vermeiden, würde man nicht das Individuum an die gewünschte Umwelt anpassen, sondern eine passende Umwelt für das Individuum finden. [...] In der Umwelt lässt sich in der Regel auch einfacher intervenieren als im Gehirn oder gar in den Genen. Es ist allerdings aufwändiger, Eigenschaften der Umwelt zu operationalisieren und man braucht dafür Forscherinnen und Forscher mit Grundwissen in sozialwissenschaftlichen Methoden, statt teurer Apparate."

S. Schleim (2017)

Leider werden kaum Fördermittel in therapeutische Alternativen investiert, da keine industriellen Interessen dahinter stehen. Viele gute Ansätze werden von reißerischen Schlagzeilen verdrängt oder geraten völlig in Vergessenheit, solange sich nur jemand darum kümmert, die eine Pille für alle Probleme herzustellen. Doch das sollte Sie keinesfalls pessimistisch machen, denn das neuronale Gerüst auf dem genetischen Fundament eines Menschen ist jederzeit um- und ausbaufähig. Die Zuversicht, dass Sie immer noch etwas Schönes aus Ihrem Leben machen können und Menschen, die Sie dabei unterstützen, werden Ihnen mehr helfen, als jede Pille.

 

 

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Literatur

 

Michaela Huber: Trauma und die Folgen 1 (4.Auflage 2009),Junfermannsche Verlagsbuchhandlung

Arnoud Arntz (2010); Schematherapie bei Borderline-Persönlichkeitsstörung; Beltz Verlag

Votsmeier-Röhr, Achim. (2004). Selbstregulierung in der Gestalttherapie. In P. Geissler; Gießen: Psychosozial-Verlag

Ursula Gast, Gustav Wirtz (2016); Dissoziative Identitätsstörung bei Erwachsenen;; Klett-Cotta-Verlag

Ursula Gast (2016); Vortrag: Das zersplitterte Selbst – Dissoziation zwischen Störung und Heilung

Van der Kolk, B.A., & Van der Hart, 0. (1991). The intrusive past: The flexibility of memory and the engraving of trauma

Stephan Schleim - Die Krise der molekularbiologischen Psychiatrie, Veröffentlicht unter Telepolis

Gehirn-Atlas: http://www.gehirn-atlas.de/index.html

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