Diagnose

Diagnose Dissoziativer Störungen

ICD-10 und DSM-IV

Zu der Kategorie Dissoziativer Störungen gehören (ICD-10 / DSM-IV):

 

  • Dissoziative Amnesie (F44.0) / (300.12)

Zeitlücken und Erinnerungsverlust

 

  • Dissoziative Fugue (F44.1) / (300.13)

Nicht erinnerbares Verhalten

 

  • Dissoziativer Stupor (F44.2)

Körperstarre, Reaktion ist stark vermindert

 

  • Trance- und Besessenheitszustände (F44.3)

Bewusstseinsveränderung, Gedankeneingebungen

 

  • Dissoziative Störungen der Bewegung und der Sinnesempfindung (F44.4)

Koordinationsprobleme, Lähmung (im DSM-IV unter somatoformen Störungen)

 

  • Krampfanfälle (F44.5)

Epileptoide Phase, ähnlich einer Epilepsie

 

  • Sensibilitäts- und Empfindungsstörungen (F44.6)

Tunnelblick, Hautkribbeln, Verlust von Seh- oder Hörvermögen.

 

  • Ganser-Syndrom (F44.80)

Pseudo-debilität, Vorbeiantworten

 

  • Dissoziative Identitätsstörung (F44.81) / (300.14)

Multiple Persönlichkeit

 

  • Nicht näher bezeichnete dissoziative Störungen (F44.9) / (300.15)

Teilweise vorhandene Symptome einer DIS

 

Diagnostische Kriterien für DIS

 

Zu den wichtigsten Faktoren einer dissoziativen Identitätsstörung gehören laut Richard Kluft:

 

  • Die Fähigkeit zur Dissoziation
  • Erfahrungen, welche die nicht-dissoziative Bewältigungskapazität des Kindes übersteigen
  • Sekundäre Strukturierung der DIS-Persönlichkeitsanteile mit individualisierten Charakterzügen, wie Namen, Alter, Geschlecht
  • Fehlen von Trost und Unterstützung, wodurch das Kind isoliert oder verlassen und vor die Notwendigkeit gestellt ist, seinen eigenen Weg der Stressbewältigung zu finden

 

Die "Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme" (ICD) und der „Diagnostische und statistische Leitfaden psychischer Störungen“ (DSM) sind die wichtigsten, weltweit anerkannten Klassifikationssysteme für medizinische Diagnosen. Beide setzen ähnliche Kriterien für eine DIS:

ICD-10

  1. Der teilweise oder völlige Verlust einer normalen Integration des Bewusstseins...
  2. bezüglich Erinnerungen an die Vergangenheit, des Identitätsbewusstsein sowie den unmittelbaren Empfindungen und der Kontrolle von Körperbewegungen, ...
  3. unter Ausschluss von Substanzmittelmissbrauch und körperlichen Erkrankungen.

DSM-IV

  1. Die Anwesenheit von zwei oder mehr unterscheidbaren Identitäten oder Persönlichkeitszuständen.
  2. Mindestens zwei dieser Identitäten oder Persönlichkeitszustände übernehmen wiederholt die Kontrolle über das Verhalten der Person.
  3. Unfähigkeit, sich an wichtige persönliche Informationen zu erinnern.
  4. Die Störung geht nicht auf die direkte körperliche Wirkung einer Substanz oder eines medizinischen Krankheitsfaktors zurück.

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Fragebögen für Dissoziative Störungen

FDS, SDQ, DIS-Q und SIDDS

 

 

Michaela Huber beschrieb 2010, unter welchen Bedingugngen eine DIS begünstigt wird. Diese Faktoren sollten bei einer Diagnose beachtet werden.

 

  • der Traumatisierungsbeginn liegt zwischen 0 und 6 Jahren
  • die Tatsache, als Mädchen auf die Welt zu kommen (80 – 90 % der KlientInnen sind Frauen)
  • schwerste Traumata in der Kindheit (95 – 100 % der KlientInnen haben sexualisierte Gewalt und 100% der KlientInnen haben physische und psychische Gewalt erlebt)
  • das Ausbleiben jeglicher Hilfe
  • individuelle Dispositionen wie eine hohe Dissoziationsfähigkeit, gut ausgebildete Gedächtnisfähigkeiten und eine stark ausgeprägte Kreativität

 

Mittlerweile gibt es mehrere Tests und Fragebögen, um die dissoziative Symptomatik eines Patienten zu untersuchen. Zu den Bekanntesten gehören der FDS, SDQ und DIS-Q.

 

 

Fragebogen zu dissoziativen Symptomen (FDS)

Dissociative Experience Scale (DES)

 

Der FDS (von Freyberger et al.) besteht aus 44 Items und deckt viele Bereiche dissoziativer Störungen ab. Dazu zählen Amnesie, Derealisation / Depersonalisation, Absorption (Trance) und Konversionsstörungen, die in konkreten Situationsfällen mit 0 bis 100 Prozent bewertet werden können. Der FDS ist die deutsche Version des DES von Bernstein-Carlson und Putnam, dem wohl populärstem Test für dissoziative Symptome. Der FDS-20 ist eine Kurzfassung (von Spitzer C. et al.) mit 20 Fragen, welcher sich für die Verlaufsmessung dissoziativer Störungen eignet. Der FDS kann ab dem 18. Lebensjahr eingesetzt werden.

FDS-44

 

Einige(n) Menschen...

  • passiert es gelegentlich, sich an einem Ort zu befinden und nicht zu wissen, wie sie dorthin gekommen sind.
  • erleben gelegentlich, dass sie in den Spiegel schauen und sich nicht erkennen.
  • stellen gelegentlich fest, dass sich (plötzlich) ihre Handschrift vollkommen verändert.
  • wird manchmal gesagt, dass sie Freunde oder Familienangehörige nicht erkennen.
  • passiert es gelegentlich, neue Dinge in ihrem Besitz zu finden, an deren Kauf oder Erhalt sie sich nicht erinnern können.
  • haben zuweilen das Gefühl (oder den Eindruck), dass andere Personen, Gegenstände und die Welt um sie herum nicht wirklich sind.
  • werden gelegentlich bewusstlos, ohne dass ein Arzt eine körperliche Ursache finden konnte.
  • stellen gelegentlich fest, dass sie in vergleichbaren Situationen so unterschiedlich handeln, dass sie das Gefühl haben, zwei unterschiedliche Personen zu sein.

Dissoziationsfragebogen (DIS-Q)

 

Der DIS-Q (von Vanderlinden et al.) besteht aus 63 Items, die auf einer Skala von 1 (trifft überhaupt nicht zu) bis 5 (trifft genau zu) beantwortet werden können. Der DIS-Q untersucht Kriterien wie Identitätsfragmentierung, Kontrollverlust, Amnesie und Absorption.

DIS-Q

 

  • Es gibt Momente, in denen ich mich nicht erinnern kann, wo ich am Tag (oder an den Tagen) davor war
  • Manchmal sagt man mir, dass ich mich so verhalte, als ob Freunde oder Familienmitglieder Fremde für mich wären
  • Es geschieht, dass ich in den Spiegel schaue ohne mich zu erkennen
  • Es kann passieren, dass ich das Gefühl habe, dass andere Menschen, andere Dinge und die Welt um

mich herum nicht real sind

Somatoform Dissociation Questionnaire (SDQ)

 

Der SDQ-20 (von Van der Hart / Nijenhuis et al.) besteht aus 20 Items und befasst sich vor allem mit den körperlichen Symptomen dissoziativer Störungen, z.B. Schmerzen, Motorik- und Konversationsstörungen, Krampfanfällen, Taubheit und Lähmungen, die in einer Skala von 1 (erlebe ich nie) bis 5 (erlebe ich sehr oft) eingetragen werden. Der SDQ-5 ist eine Kurzform und besteht aus 5 Items.

SDQ-20

 

Es kommt gelegentlich vor, dass ...

  • sich mein Körper, oder ein Teil davon, taub anfühlt.
  • ich Schwierigkeiten beim Urinieren habe.
  • ich in einen Zustand komme, der einem epileptischen Anfall ähnelt.
  • ich eine Zeitlang nichts hören kann (als ob ich taub wäre).
  • ich eine Zeitlang nichts sehen kann (als ob ich blind wäre).
  • ich nicht schlucken kann, oder nur mit großer Anstrengung.
  • ich nächtelang nicht schlafen kann und trotzdem während des Tages sehr aktiv bleibe.
  • ich für eine Weile gelähmt bin.

SDQ-5

 

Es kommt gelegentlich vor, dass ...

  • mein Körper, oder ein Teil davon, unempfindlich für Schmerz wird.
  • ich Dinge um mich herun anders sehe als normalerweise.
  • es sich anfühlt, als ob mein Körper oder ein Teil davon, verschwunden wäre.
  • ich nicht sprechen kann (oder nur mit großer Mühe) oder ich kann nur flüstern.
  • ich Schmerzen beim Urinieren habe.

Strukturierter Interviewleitfaden zur Diagnose Dissoziativer Störungen (SIDDS)

 

Der SIDDS (von Overkamp) besteht aus 132 Items, die mit „ja“, „nein“ oder „unsicher“ beantwortet werden können. Der SIDDS ist als Leitfaden für Intervies gedacht, er untersucht die Differentialdiagnostik einer DIS und enthält daher ebenso Fragen zu Borderlinestörungen, DDNOS, sowie diversen DSM-IV Diagnosen.

SIDDS

 

  • Hatten Sie jemals den Eindruck, dass es in Ihrem Inneren zwei oder mehr unterscheidbare Identitäten oder Persönlichkeitsanteile gibt, die jede jeweils eine eigene Art hat, wahrzunehmen, zu denken und sich auf sich selbst und die Umwelt zu beziehen?
  • Übernehmen mindestens zwei dieser Identitäten oder Persönlichkeitsanteile abwechselnd die Kontrolle über Ihr Verhalten?
  • Haben zwei oder mehrere dieser verschiedenen Persönlichkeiten vor Zeugen an mindestens drei unterschiedlichen Gelegenheiten die Kontrolle über den Körper übernommen?
  • Haben Sie es erlebt, dass sie Person in einem so starken Ausmaß nicht in der Lage war, sich an wichtige persönliche Daten zu erinnern, dass es mit normaler Vergesslichkeit nicht zu erklären ist?
  • Ist das Problem mit diesen verschiedenen Identitäten oder Persönlichkeitsanteilen durch Substanzmissbrauch (Alkohol-Blackouts/ Drogen) oder durch eine allgemeine medizinische Erkrankung verursacht?

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Unbekannte Diagnose?

Weshalb Dissoziative Störungen selten diagnostiziert werden

 

 

Komorbide Symptomatik

 

  • DIS-Betroffene zeigen oft eine Mischung aus traumabezogenen Symptomen (Depressionen, Panikattacken, Wahnvorstellungen, Selbstverletzung, Ess-Störungen, usw.), sodass oft nur die jeweiligen komorbiden Störungen oder naheliegende Krankheiten, wie eine bipolare Störung, Borderline, Schizophrenie oder PTBS diagnostiziert werden (was eine jahrelange falsche Behandlung zur Folge haben kann).

 

  • Standardfragen zur Anamnese- und Befunderhebung enthalten in den meisten Fällen keine Fragen bezüglich dissoziativen Störungen, sodass der behandelnde Arzt oft Rückschlüsse auf andere Diagnosen zieht, die häufiger verbreitet sind.

 

  • Betroffene machen von sich aus selten Angaben über ihre Symptome, da sie sich eventuell für unerklärbare Selbstverletzungen oder kindliches Verhalten wie Einnässen schämen oder versuchen, Symptome wie Gedächtnislücken zu leugnen oder umzudeuten. Anfangs weiß der Host aufgrund der Amnesien oft nichts von seiner multiplen Identität und den Symptomen der anderen Persönlichkeiten. Selbst spezialisierte Ärzte können die Anzeichen in der Regel erst nach einer langen Therapiedauer erkennen.

 

 

Valide Diagnosekritierien

 

  • Die offfiziellen Diagnosekriterien beschreiben eine DIS nur sehr valide, sodass viele Ärzte sich kaum eine Vorstellung davon machen können und deshalb zurückschrecken, dem Patienten möglicherweise eine falsche Diagnose zu stellen. Obwohl die Krankheit seit Jahren anerkannt ist, besteht auf Grund ihrer Seltenheit unter den Ärzten kaum bis gar keine Aufklärung über DIS.

 

  • Wissenschaftler stellten die Diagnose lange Zeit in Frage, da die validen Kriterien das Krankheitsbild damals nur unzureichend beschrieben. Demzufolge galt es in der Vergangenheit als unseriös, eine derart willkürliche Diagnose zu stellen. Dank einer Vielzahl empirisch fundierter Untersuchungen hat die dissoziative Identitästörung inzwischen ihren Weg in die Diagnosehandbücher DSM und ICD gefunden, doch leider sind auch heute nur wenig Ärzte bereit, die Störung anzuerkennen.

 

  • Heutzutage suchen die meisten Menschen ihre Symptome im Internet, bevor sie einen Arzt aufsuchen. Dort stoßen sie auf unzählige widersprüchliche Informationen zu dissoziativen Störungen. Zudem werden multiple Personen in den Medien fast ausschließlich als verrückte Serienkiller dargestellt, sodass sich kaum ein normaler Mensch mit ihnen identifizieren möchte.

 

 

Angst der Betroffenen

 

  • Traumatisierte Menschen haben große Schwierigkeiten, sich anderen Menschen anzuvertrauen oder haben Angst, dass man ihnen nicht glauben könnte. Oftmals erscheinen die Erinnerungen unzusammenhängend mit vielen Lücken, sodass sie für den Patienten selbst nur schwer begreifbar und vermittelbar sind und es ihnen vor Ärzten und Therapeuten sehr schwer fallen kann, ihr Gefühlsleben zu ordnen und offenbaren.

 

  • Patienten, die zu ihrer Beruhigung heimlich Alkohol oder Drogen konsumieren, halten ihre Aussagen bezüglich der Gedächtnislücken und Wahnvorstellungen zurück, aus Angst, man könnte die Ursachen auf ihren Konsum zurückführen. Eventuell glauben sie sogar selbst daran, da die Diagnose in der Bevölkerung sehr unbekannt ist.

 

  • Betroffene wollen ihre Situation nicht wahrhaben oder von anderen für verrückt erklärt werden und versuchen im Alltag weiter zu funktionieren. Auch für Außenstehende ist der Übergang in eine andere Identität kaum wahrnehmbar. Die meisten Betroffenen haben es ihr Leben lang geschafft, ihren Alltag und Beruf so gut zu meistern, dass nur enge Vertraute mitbekommen, dass etwas nicht mit ihnen stimmt.

 

 

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Literatur

 

Richard P. Kluft (1985); Childhood Antecedents of Multiple Personality Disorder; American Psychiatric Association Publishing

WHO (2016); Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme

DSM-IV (2013); Dissoziative Störungen; Berater der deutschen Ausgabe: Michael Zaudig, Windach, Henning Saß, Aachen

Michaela Huber (2010); Multiple Persönlichkeiten: Seelische Zersplitterung nach Gewalt; Junfermann Verlag

Carsten Spitzer, Rolf-Dieter Stieglitz, Harald Freyberger (2005); Fragebogen zu Dissoziativen Symptomen (FDS)

Vanderlinden, Van Dyck, Vertommen, Vandereycken (1993); The dissociation questionnaire (DIS-Q)

Nijenhuis, Spinhoven, Van Dyck, Van der Hart, Vanderlinden (1996) The Somatoform Dissociation Questionnaire (SDQ)

Overkamp, Bettina (2005): Strukturierter Interviewleitfaden zur Diagnose Dissoziativer Störungen (SIDDS)

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