Therapie

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Planung, Verlauf & Ziele

Therapie-Planung

Zurück ins Leben finden

 

 

 

Vorraussetzungen für eine Trauma-Therapie

 

"Die verfrühte Arbeit an einem Trauma kann jede weitere effektive Therapie unmöglich machen." warnt Frank Putnam, der als Pionier in der Forschung dissoziativer Störungen gilt. Deshalb ist es wichtig, dass bestimme Vorraussezungen gegeben sind, bevor Sie eine Trauma-Therapie beginnen:

Argumente für eine Trauma-Aufarbeitung

 

  • Körperliche und psychische Belastbarkeit
  • Genügend Ressourcen und Strategien
  • Sichere Umgebung
  • Kein bestehender Täterkontakt
  • Strukturierter Tagesablauf
  • Unterstützendes soziales Netzwerk

Argumente gegen eine Trauma-Aufarbeitung

 

  • Akute Suizidalität, Schwere Depression
  • Hohe Affektlabilität, Wahnhafte Symptomatik
  • Diagnostische Unsicherheit
  • Fortbestehender Täterkontakt
  • Schwangerschaft, schwerre Somatisierung
  • Mangelnde Erfahrung des Therapeuten

Svetlana Zunder erläutert die Relevanz eines sicheren Umfeldes: "Wird eine Traumabearbeitung begonnen, wenn noch Täterkontakt besteht oder das soziale Netz nicht trägt, besteht die Gefahr der Retraumatisierung in hohem Maße, weil durch die erschwerte äußere Lage Traumaäquivalente mobilisiert und durch die äußeren realen und phantasierten Gefahren verstärkt werden, und dem erwünschten Prozess zuwider laufen."

 

 

Den richtigen Therapeuten finden

 

Wenn die oben genannten Vorraussetzungen erfüllt sind, können Sie abwägen, ob Sie tatsächlich schon bereit sind, das Trauma aufzuarbeiten. Es muss nicht heute oder in 10 Jahren sein. Es muss überhaupt nicht passieren, falls Sie andere Strategien gefunden haben, um Ihren Alltag zu bewältigen. Erst wenn Sie eine Notwendigkeit sehen und dazu bereit sind, die Probleme aktiv anzugehen, macht es Sinn, eine Behandlung zu beginnen. Informieren Sie sich zunächst über geeignete Therapien, die für verschiedene Symptome angeboten werden. Hier ein paar Beispiele:

Psycho-Therapeut

Tiefenpsychologische Therapie, Analytische Therapie, Verhaltens-Therapie

Facharzt

Behandlung körperlicher Beschwerden, psychiatrische Mitbehandlung

Physio-Therapeut

Cranio Sacraler Therapie, Osteopathie, Gymnastik, Massagen

Heilpraktiker

Japanische Akupunktur, Wärmetherapie, Aromatherapie

Sonstige

Shiatsu, Autogenes Training, Atemübung, Meditation, Qi Gong, Yoga

Falls Sie sich für eine tiefenpsychologische Therapie entscheiden, finden Sie einen guten Ratgeber unter diesem Link: Der effektivste Weg, den richtigen Traumatherapeuten zu finden – in 7 einfachen Schritten

 

Eine falsche Behandlung kann schlmme Folgen haben, daher sollten Sie unbedingt auf die Seriösität Ihrers Therapeuten achten. Der Verein "Ethik in der Psychotherapie" gibt eine kostenlose und anonyme Beratung, falls Sie bereits eine Behandlung begonnen haben und sich unsicher sind, ob Ihr Therapeut die Grenzen einer normalen Behandlung überschreitet. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn er sich außerhalb der Praxis mit Ihnen treffen möchte oder unangemessenen Körperkontakt ohne Ihre Zustimmung sucht.

 

 

Therapie-Ziele

 

Die Form der Behandlung sollte nach ihren persönlichen Therapie-Zielen ausgewählt werden. Diese sind jedoch, je nach Symtomatik sehr individuell. Bei einem Menschen mit mehreren Persönlichkeitsanteilen könnten die Ziele z.B. folgende Schwerpunkte haben::

1. Stabilität erreichen

- Co-Bewusstsein zwischen den Anteilen verbessern

- Stabilisierung der äußeren Lebenssituation

- Kontrolle dysfunktionalen Verhaltens

 

2. Symptomreduzierung

- Kreislauf- und Nervenzusammenbrüche verhindern

- Amnesien, Trancezustände und Depressionen vermeiden

- Psychosen, Panikattacken und SVV beenden

 

3. Autonomie verbessern

- Selbständigkeit wiederherstellen (in Arbeit und Alltag)

- Neue Grenzen finden, eigene Identität entwickeln

- An der Gesellschaft und dem Leben teilnehmen

"Wenn du erkennst, dass es dir an nichts fehlt, gehört dir die ganze Welt."

 

Laotse

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Tipps für Betroffene

Erste Schritte vor und während einer Therapie

 

 

Vor der Therapie: Balance und Stabilität erreichen

 

Finden Sie zunächst eine Möglichkeit, damit plötzlicher Stress und aufkommende Panik keine weiteren Symptome auslösen können. Die kaltherzige Welt da draußen garantiert Ihnen miese Laune und Überforderung, wenn Sie dafür offen sind. Versuchen Sie sich mit Atemübungen oder Switch-Strategien zurück in das Hier und Jetzt zu bringen, sobald Sie instabil werden.

 

Schaffen Sie sich ein mentales Ventil mit verschiedenen Aktivitäten, die Sie vor großen Belastungen schützen und ihren Körper und Geist stärken. Ein Spaziergang in der Natur genügt, um die Konzentration von Tryptophan (Vorstufe des Botenstoffs Serotonin) im Gehirn zu erhöhen und Depressionen vorzubeugen. Regelmäßiges Joggen oder Schwimmen würde zusätzlich den Pegel des Stresshormons Cortisol reduzieren und körpereigene Opioide im Belohnungszentrum ausschütten. Dies wirkt sich positiv auf den gesamten Organismus aus und stärkt zudem das Immunsystem.

 

"Die Zukunft hat viele Namen: Für die Schwachen ist sie das Unerreichbare;

für die Furchtsamen ist sie das Unbekannte; für die Tapferen ist sie die Chance."

Victor Hugo

 

Im besten Fall sind Sie zu zweit oder im Team unterwegs, denn es konnte nachgewiesen werden, dass sich vor allem ein intaktes Sozialleben positiv auf die Gesundheit auswirkt. Gemeinsam lassen sich viele Aufgaben schneller bewältigen und es fällt leichter, Neues auszuprobieren. Achten Sie jedoch bewusst darauf, wem Sie sich anvertrauen. Ängste lassen sich mit anderen Menschen vielleicht einfacher überwinden, aber ebenso schnell erzeugen. Meiden Sie Personen, von denen Sie sich nicht respektiert oder verstanden fühlen, aber geben Sie ihren Angehörigen auch genügend Zeit, mit der Situation umzugehen.

 

 

Beginn der Therapie - Mit der Behandlung vertaut machen

 

Sind Sie bereit? Okay, dann kann es losgehen. Machen Sie sich zunächst mit den einzelnen Schritten einer Trauma-Therapie vertraut. Sabine Marya hat in ihrem Ratgeber einige wichtige Inhalte dazu notiert, die hier nur wahlweise dargestellt werden:

Einzelne Schritte während einer Therapie

 

  • Kontaktabbruch zu TäterInnen
  • Erkennen der destruktiven Verhaltensmuster als Mittel zum Überleben
  • Veränderung der destruktiven Verhaltensmuster in gesunde Alternativen
  • Zurückerobern des Körpergefühls, Spüren von Grenzen
  • Entwicklung von Perspektiven und Hoffnung auf eine gesunde Zukunft
  • Bewusstwerden von Bedürfnissen und Wünschen
  • Leben an Stelle von Überleben, Integration der Geschichte
  • Zurückeroberung des Lebens als das eigene und selbstbestimmte Leben
  • Zu begreifen: Es ist nicht Teil des Heilungsprozesses, den Tätern vergeben zu müssen
  • Eigenen inneren Frieden finden und sich selbst vergeben

 

Weitere Schritte für multiple Personen

 

  • Annahme anderer Innenanteile trotz Schwächen und Defizite
  • Integration der Innenanteile in die Gemeinschaft, Kommunikation untereinander
  • Bildung innerer Teams, Treffen von Absprachen und gemeinsamen Planungen
  • Beginn von innerer Zusammenarbeit, gemeinsame Verantwortung für Körper und Leben
  • Gesunder Umgang mit Konflikten in der Gegenwart

Da diese Aufarbeitung sehr viel Zeit und Kraft kostet und wahrscheinlich einige emotionale Ausnahmezustände einfordern wird, ist es wichtig, dass Sie Ihren Angehörigen und Therapeuten sofort sagen, wenn es Ihnen gerade zuviel wird. Suchen Sie sich einen Rückzugsort und wenden Sie Entspannungsmethoden an, um zur Ruhe zu kommen. Vor allem aber verlieren Sie nicht den Spaß am Leben und gönnen Sie sich reichlich Musik, Humor und gutes Essen.

 

 

Während der Therapie - Eigene Maßnahmen zur Unterstützung

 

Auch wenn Sie bereits einen guten Therapeuten gefunden haben, ist damit keine Besserung Ihrer Symptome garantiert. Die meisten Baustellen müssen Sie selbst aktiv angehen, aber dafür gibt es unzählige Möglichkeiten. In den folgenden Kästen sind einige Beeispiele, um einen geregelten Alltag mit sinnvollen Beschäftigungen zu realisieren.

Stabilität

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Alltag & Organisation

Umgang & Integration

- Schlafzeiten regeln, Essensplan absprechen

- Co-Bewusstsein verbessern

- Pflichten einteilen (Ämter-, Arztbesuche, Einkaufen)

- Regeln erstellen, Absprachen treffen

- Termine fixieren (Handy, Kalender, Schwarzes Brett)

- Privatsphäre für jeden einrichten

- Sichtbare Notizen an auffälligen Stellen hinterlegen

- Trigger ausfindig machen

Beschäftigungen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Introspetktion & Analyse

Freizeit & Erholung

- Lernen, auf die inneren Zeichen zu hören

- Musik: Piano spielen, Singen, Konzerte besuchen

- Personenanteile kartografieren, Profile erstellen

- Handwerkliches: Basteln, Konstruieren, Schreinern

- Triggernde Signale notieren und besprechen

- Künstlerisches: Zeichnen, Fotografieren, Schreiben

- Sich zum ExpertInnen der eignen Störung machen

- Kreatives: Kochen, Komponieren, Philosophieren

- Körpergefühl wiederherstellen, Sinne anregen

- Natürliches: Spaziergang im Wald, Reisen, Campen

- Erfahrungsberichte von anderen Betroffenen lesen

- Eine ehrenamtliche Tätigkeit

Unterstützung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Beziehung & Kontakt

Beratung & Hilfe

- Freunde in die Diagnose einbeziehen

- Selbsthilfegruppen, Foren

- Aufbau wohltuender Beziehungen

- Beratungsstellen, Vereine

- Jemanden zum Reden finden (Vertrauensperson)

- Kontakt zu anderen Multiplen

- Destruktive Beziehungen beenden

- Haushaltshilfe, Alltags-Betreuung

Körperliche Aktivität

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bewegung & Spiel

Sport & Ausdauertraining

- Tanzen (steigert Körpergefühl)

- Kampfsport (Abwehr fördern)

- Teamspiele, Bowling, Golf

- Laufen, Schwimmen

- Wandern, Yoga, Gartenarbeit

- Parcour, Klettern

- Aushilfe im Tierheim, Bauernhof

- Athletik, Gymnastik

Prävention

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Strategien & Pläne

Rückzug & Schutzraum

- Krisennotfallplan

- Pausen einlegen, Ruhe finden

- Posttraumatische Symptomatik aufarbeiten

- Sicheren Raum in der Wohnung einrichten

- Entspannungs- und Meditationstechniken

- Versteck für die Kinder

 

 

mehr unter "Alltags-Strategien"

 

Der Umgang mit Persönlichkeitsanteilen

 

Für eine gute Balance ist es ebenso notwendig, innere Stabilität herzustellen. Dafür ist es sinnvoll, das Wissen und die Bedürfnisse der einzelnen Persönlichkeiten mit dem gesamten System abzuklären und gemeinsame Lösungen zu finden. Bis Sie alle Persönlichkeitsanteile ausfindig gemacht und sich in diese hineinversetzen können, werden einige Monate ins Land gehen, aber es lohnt sich, denn eine gute interne Verständigung stäkt ein funktionierendes System, das sich gegenseitig unterstützen kann. Auch wenn es anfangs schwer fallen kann, zu den inneren Kindern oder Verfolger-Persönlichkeiten Kontakt aufzunehmen, sollten Sie stets bedenken, dass jeder im System zu ihrem heutigem Leben auch im Guten beigetragen hat und es wert ist, ernst genommen und akzeptiert zu werden.

„Früher (...) war alles noch sehr auseinander gerissen, jeder lebte für sich. Heute sagen wir nur noch „Team". Irgendwann war es so, als ob sich Farben vermischten, so, wie gelb und blau zu grün werden und das Ganze formatierte sich zu einem Kreis. So ist das bei uns in stabilen Zeiten. (...) Aber in schlechten Zeiten fällt der Kreis auseinander.“

Leah Nadine in Striebel (2008), S. 73

Falls Ihnen noch unklar ist, wieviele und welche Arten von Personen sich im System verstecken, können Sie durch das Führen von Tagebüchern oder Aufnahmen mit einem Ditkier- oder Videogerät Informationen über die einzelnen Personen zusammentragen. Zudem können Sie körperliche Veränderungen (Augenfarbe, Gesichtszüge) im Spiegel überprüfen oder aufmerksame Angehörige befragen. Versuchen Sie nach und nach Ihr System zu kartografieren und für die einzelnen Charaktere Profile anzulegen, um sich einen Überblick zu verschaffen.

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Tipps für Therapeuten

Alles außer "Schema F"

 

 

Ablauf und Vorbereitung

 

Die Therapie von Traumafolgen erfordert ein Höchstmaß an Präzision und Flexibilität. Sie kann selbst einen jahrelangen Experten an den Rand seines eigenen Verstands treiben, jedoch wird er gleichsam einen tief berührenden Einblick in die Faszination der menschlichen Psyche erfahren.Nachdem jahelang auf den Grenzen des Betroffenen herumgetrampelt wurde, braucht er in erster Linie eine Basis aus Vertrauen und Verlässlichkeit.

„Wenn das Gefühl der Bedrohung dem Gefühl des Vertrauens weicht, bedeutet es eine gänzlich neue Erfahrung für die einzelnen Alter-Personen, nicht missbraucht und benutzt oder ignoriert, sondern gesehen und wertgeschätzt zu werden.“

Deistler & Vogler, 2005, S. 158

Stellen Sie sicher, dass Ihre Kompetenz und Ihre eigenen Ressourcen ausreichen, um einen traumatisierten Menschen zu behandelnt. Die Gestaltterapeuten Moon Stegk gibt dazu einen guten Einblick:

 

"Für die therapeutische Arbeit mit seelisch schwer traumatisierten Menschen brauchen Therapeuten die innere Bereitschaft, sich auf einen langen und oft turbulenten Prozess einzulassen. Es braucht die Unerschrockenheit in tiefe Abgründe zu blicken und die Bereitwilligkeit, zu lernen, Fehler zu machen, es beim nächsten Mal besser zu machen. Es braucht den Mut, zu konfrontieren und immer wieder „Tretminen“ detonieren zulassen. Es braucht die Hartnäckigkeit, sich in Krisen nicht „abschütteln“ zu lassen. Es braucht das Vertrauen in Fähigkeiten und Selbstheilungskräfte der KlientIn. Es braucht die Beherztheit, sich berühren, sich anrühren zu lassen und als Mensch einem Menschen zu begegnen. Und es braucht Liebe und Humor und Geduld.

 

Die Therapie eines schwer traumatisierten Menschen ohne fundierte Psychotraumatologie-Kenntnisse und ohne ein gerüttelt Maß an traumatherapeutischen Methoden und Techniken kann die spezifischen Folgen erlittener Traumata nicht erreichen und wird seelisch schwer verletzten Menschen nicht gerecht.

Technik allein kann aber nicht heilen. Dazu bedarf es auch des Faktors Mensch. Traumatherapie ist Begleitung ins Leben. Von Mensch zu Mensch."

 

Zu Beginn der Therapie wird zunächst eine vollständige Kindheits-Anamnese aufgenommen. Dafür sind Zeit, Ruhe und eine analytische Gesprächsführung notwendig. Anschließend wird mindestens ein Behandlungstermin pro Woche empfohlen, dessen Entwicklung sich bei Klienten mit mehreren Personenanteilen beispielsweise nach dem Phasenmodell von Bernnett Braun gestalten könnte:

1. Vertrauen entwickeln

2. Erstellen und Besprechen der Diagnose

3. Kommunikation mit jedem einzelnen Persönlichkeitsanteil

4. Ausarbeiten von Verträgen

5. Erfassen der Biographie jeder einzelnen „Person“

6. Bearbeiten der Problematik jeder einzelnen „Person“

7. Besondere Vorgehensweisen

8. Entwicklung und Förderung der interpersonellen Kommunikation

9. Zielsetzung und Arbeitsweise: Richtung Integration

10. Entwicklung neuer Verhaltensweisen und Fähigkeiten

11. Bestärkung erreichter Heilungsschritte

12. Netzwerkarbeit und Förderung der Unterstützung durch soziales Umfeld

Phasenmodell von Bernnett G. Braun

"Ich habe nicht versagt. Ich habe nur 1000 Wege gefunden, die nicht funktionieren."

 

Thomas Edison

Zuvor sollten die Länge der Sitzungen, Kosten (Krankenversicherung) festlegt und mit dem Klienten besprochen werden. Außerdem sollte es klare Absprachen für eventuelle Krisenfälle geben, welche durch eine Reinszenierung der Traumata ausgelöst werden können. Dafür ist es wichtig, die Rollen, Erwartungen, Regeln und Rechte vor der Behandlung klar zu definieren.

„Patienten mit Traumafolgestörungen haben eine basale Erschütterung ihrer Vertrauensfähigkeit erfahren. Das zentrale Erlebnis einer massiven physischen und psychischen Grenzüberschreitung verletzt die Autonomie und die Selbstwirksamkeitserfahrung fundamental. In der Folge antizipieren traumatisierte Menschen Gefahren und Bedrohungen im Übermaß. Das gilt auch für die Beziehungsgestaltung mit dem Therapeuten und dem Behandlungsteam. Dies erklärt, warum auch kleinste Irritationen – welche kein Therapeut vermeiden kann – zu erheblichem Misstrauen des Patienten oder zu Androhungen eines Kontaktabbruchs führen können.

K. Böhm (2015); S.39

Um dem Misstrauen des Klienten entgegenzuwirken und seine Sicherheit zu stärken, ist es ratsam, ihm (so weit wie möglich) Mitbestimmung und eigene Verantwortung für den Behandlungsverlauf zu ermöglichen. Ebenso sollten Sie sich durch die vorherige Absprachen absichern, wie Sie sich bei Ausnahmezuständen, bzw. einem Identitätswechsel des Klienten verhalten können.

 

Um eine reibungslose Behandlung zu ermöglichen, sollten Sie gleichermaßen auf Ihr eigenes Wohl achten. Jegliche persönliche Beziehung während und nach der Behandlung sollte strikt unterlassen werden, selbst wenn der Klient ausdrücklich darum bittet. Vermeiden Sie eigenen Stress durch klare Grenzen (verbindliche Absprachen, Verträge), kollegiale Unterstützung (Supervision) und eine begrenzte Anzahl dissoziativer Klienten. Dann gelingt es Ihnen vielleicht, einen schwer erschütterten Menschen zurück ins Leben zu führen. Dafür reichen gute psychotraumatologische Fachkenntnisse und das ehrliche Bemühen, den Betroffenen individuell und angemessen zu unterstützen.

 

 

Therapie einer multiplen Person

 

Das Wichtigste: Ein multipler Klient sollte niemals ungefragt berührt werden. Jeder körperliche Kontakt könnte als Täterkontakt interpretiert werden und.schwere intrusive PTBS-Symptome oder eine Katatonie auslösen. Desweiteren ist es wichtig, sicher zu stellen, dass der Klient vor der Behandlung generell jeden Kontakt zu den Tätern beendet hat.

„Bei multiplen KlientInnen kommt es dabei darauf an, möglichst viele Anteile in der Multiplen danach zu fragen, denn es kann durchaus sein, dass manche von ihnen voller Überzeugung jeden Täterkontakt verneinen, während andere (nach wie vor) telefonischen, brieflichen oder persönlichen Kontakt zu Tätern unterhalten (für die die anderen »Personen« dann amnestisch sind, d.h. Sie nicht erinnern bzw. nicht davon »wissen«)."

M. Huber (2010)

Sollten Sie bemerken, dass Ihr Klient in eine andere Person switcht, können Sie zunächst versuchen, ihn mit kleinen Denkaufgaben oder Humor zu stabilisieren. Strahlen Sie dabei immer Ruhe aus, lehnen Sie sich zurück (ein Zugehen auf den Klienten könnte von dem vordringenden Personenanteil als Angriff gewertet werden) und geben Sie dem Klienten nach einem Identitätswechsel Zeit, sich zu orientieren.

 

Es braucht eine hohe Achtsamkeit, um das Switchen eines Klienten zu bemerken. Manchmal ist es nur durch ein kurzes Zucken oder Augenverdrehen erkennbar, Lassen Sie sich durch die Wechsel nicht aus dem Konzept bringen, denn es kann die Behandlung schneller voranbringen, je mehr Identitäten aktiv an der Therapie teilnehmen. Da alle Anteile einen enormen Einfluss auf das gesamte System des multiplen Klienten haben, sollte jeder als autonome Person betrachtet, gleichermaßen ernst genommen und einbezogen werden.

„DIS-Patient(inn)en befinden sich bezüglich ihrer Erinnerungen oft im inneren Konflikt oder sind verunsichert, wobei verschiedene Persönlichkeitsanteile unterschiedliche Meinungen vertreten, die von deren Entwicklungsperspektive und Funktion im gesamten Persönlichkeitssystem abhängen. Deshalb ist es für die Therapie am günstigsten, die jeweiligen Persönlichkeitsanteile zu ermutigen, ihre Konflikte und abweichenden Meinungen zu erforschen, anstatt sich einem einzelnen Persönlichkeitsanteil anzuschließen."

U. Gast, G. Wirtz (2016)

Es erfordert sehr viel Feingefühl und Kreativität, sich einem komplexen System aus ambivalenten Persönlichkeitsanteilen zu nähern. Je nach Patient, offenbart sich Ihnen vielleicht ein ganzes Sammelsurium aus wild verstrickten Psychosen. Da es bisher keine ultimative Behandlungsmethode für dissoziative Störungen gibt, empfielt es sich, verschiedene Verfahren oder Techniken abzuwägen und sinnvoll miteinander zu kombinieren.

„Die Erfahrung zeigt, dass PatientInnen von psychodynamischen, psychoanalytisch orientierten Psychotherapieansätzen gut profitieren können, dass es aber sinnvoll erscheint, tradierte psychoanalytisch orientierte Vorgehensweisen grundlegend zu modifizieren und um andere Therapiemodalitäten zu erweitern."

Der Bunte Ring www.derbuntering.de

Richtungsweisend sind beispielsweise Verfahren aus der Schematherapie und Ego-State-Therapie. Eine vollständige Integration der Personenanteile konnte zwar bisher bei keinem Betroffenem erreicht werden, aber ein besseres Co-Bewusstsein zwischen den Anteilen kann zur Reduzierung der Symptome beitragen und ist für die Umsetzung eines geregelten Alltags unverzichtbar.

„Ziel ist es hierbei, die verschiedenen Anteile wieder in einem regulierenden Gesamt-Ich zu verbinden. Sie bleiben zwar weiterhin als Anteile bestehen, die Regulationsinstanz des Ich kann jedoch über eine Aktivierung und vor allem Deaktivierung entscheiden. Der Menschen ist somit nicht mehr Opfer seiner inneren Prozesse, sondern Entscheider und im positiven Sinne Kontrolleur.

K. Böhm (2015); S.38

Scheinbare Integrationen können sich nach bisherigen Beobachtungen jederzeit wieder lösen und sollten nicht das Therapieziel sein. Ebenfalls lassen sich Personen-Anteile nicht langfristig stummschalten oder eliminieren und sollten daher als Verbündete in die Behandlung einbezogen werden. Ein Täter-identifizierender Anteil sollte in einer Therapie ebenfalls nicht bekämpft oder ignoriert werden, denn er könnte befürchten, im multiplen System Einfluss zu verlieren und dadurch sein destruktives Verhalten steigern.

„Bei Patienten mit niedrigem Funktionsniveau sollte der Schwerpunkt der Behandlung auf Stabilisierung, Krisenmanagement und Symptomreduktion (nicht auf dem Verarbeiten von traumatischen Erinnerungen und der Fusion von Persönlichkeitsanteilen) liegen."

U. Gast, G. Wirtz (2016)

Da man sich nie wirklich sicher sein kann, wen man gerade vor sich hat, sollte zudem kein Personenanteil diskreditiert oder abgewertet werden. Vor allem die Verfolger eines multiplen Systems sind permanent in Alarmbereitschaft und werden wahrscheinlich jede Therapiesitzung (passiv) beobachten. Aus Trotz könnten solche Anteile versuchen, die Behandlung zu sabotieren.

 

Versuchen Sie stattdessen, die Funktion und das Verhalten eines schwierigen Anteils lösungsorientiert zu interpretieren (wann/wodurch entstand er, was löst ihn heute aus, wovor hat er immer noch Angst) und dysfunktionale Bewältigungsstrategien durch wirksamere Methoden zu ersetzen. Ob dabei eine Aufarbeitung der Traumata notwenig ist, sollte stets in der Entscheidung des Betroffenen liegen.

"Zum Therapieerfolg ist es aber nicht zwingend erforderlich, eine ,,historische Rekonstruktion der Dissoziationsentwicklung" (Fiedler, 1997, S. 231) durchzuführen. Es kann sich sogar negativ auswirken, denn mögliche Verzerrungen der verdrängten Erinnerungen können nicht ausgeschlossen werden bzw. durch die traumatische Rekonstruktion dieser kann es zur Abspaltung weiterer Persönlichkeitszustände kommen."

A. Kastenmüller (2000)

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Tipps für Angehörige

Verständnis statt Mitleid

 

Als Angehöriger mit einer singulären Identität ist es mit Sicherheit schwer, sich in einen multiplen Menschen hineinzuversetzen. Vielleicht fühlen Sie sich daher ebenso überfordert, wenn eine nahestehenden Person ihr "viele-sein" offenbart. Betrachten Sie es als großen Vertrauensbeweis, wenn sich ein Betroffener vor Ihnen outet. Zu Beginn der Therapie wird sein Leben von einem unüberschaubaren Chaos regiert, daher können Sie bereits viel Gutes bewirken, wenn Sie ein offenes Gehör schenken und dabei folgende Ratschläge berücksichtigen:

Produktiv

 

1. Zuhören und nachfragen

2. Echtes Interesse und Geduld zeigen

3. Verständnis statt Mitleid äußern

Kontraproduktiv

 

1. Enteignen: „Bei mir ist das auch so!“

2. Umdeuten: „Das glaubst du nur!“

3. Relativieren: „Ist doch nicht so schlimm!“

Ermuntern Sie den Betroffenen, am Leben teilzuhaben, aber respektieren Sie dabei unbedingt seine Grenzen. Bleiben Sie stets ruhig und üben Sie keinen Druck aus. Was für Sie nur ein harmloser Streit sein mag, kann für einen multiplen Menschen in einer schweren Lebenskrise enden. Wenn Sie jemanden ernsthaft unterstützen möchten, sollten Sie sich ebenfalls beraten lassen, um Ihr Miteinander gemeinsam neu orientieren zu können. Einen ausführlichen Ratgeber für Angehörige finden Sie hier: PDF - Sabine Marya: Das neue Hand in Hand

 

Drängen Sie eine multiple Person bitte nicht zu einer Therapie, wenn sich diese noch nicht dazu bereit fühlt, jede Mühe wäre wahrscheinlich umsonst. Es gibt viele Gründe, warum sich ein Betroffener nicht in Behandlung begeben möchte. Viele trauen sich nicht, andere mit ihren Problemen zu belasten, möchten nicht an das Trauma erinntert werden, fühlen sich zu schwach oder zweifeln an einer Besserung. In den meisten Fällen wird der Betroffene jedoch eine Notwendigkeit erkennen, seine Symptome zu lindern, um wieder ein halbwegs normales Leben fürhen zu können. Abgesehen davon, ob der Betroffene zu einer Therapie bereit ist oder nicht, können Sie ihm helfen, sich zu stabilisieren und Rückschläge zu vermeiden:

Was Sie vermeiden sollten:

 

• Dem Betroffenen sagen, dass alles in Ordnung kommt oder dass er einfach damit fertig werden soll

• Sich so verhalten, als sei jemand schwach oder würde übertreiben

• Ihre eigenen Erfahrungen mitteilen, ohne dem anderen zuzuhören

• Ratschläge erteilen, ohne sich die Bedenken des anderen anzuhören oder zu fragen, was ihm gut tut

• Den Betroffenen davon abhalten, von dem zu sprechen, was ihn belastet

• Ihnen zu sagen, dass sie froh sein können, dass es nicht schlimmer gekommen ist

 

National Child Traumatic Stress Network (2006)

Wie Sie helfen können:

 

• Versuchen Sie den Betroffenen in der Alltagsbewältigung zu unterstützen

• Erlauben Sie dem Betroffenen, sich bei Stress oder Anspannung zurückzuziehen

• Versuchen Sie das richtige Gleichgewicht zwischen Unter- und Überforderung zu finden

• Versuchen Sie die eigenen Erwartungen an die Möglichkeiten des Betroffenen anzupassen

• Treffen Sie klare Absprachen (um einen geregelten Tagesablauf zu fördern)

• Versuchen Sie auch kleine Fortschritte wertzuschätzen

 

Spektrum der Wissenschaft, Gut durch die Krise (2017)

Bedenken Sie, dass die zahlreichen Symptome einer DIS nicht allein mit einer Therapie oder einigen bunten Pillen behoben werden können. Generell ist die Verabreichung von Neuroleptika bei dissoziativen Störungen hoch umstritten. Diverse wissenschaftliche Studien (vgl. Cochrane Library) konnten bisher keine Verbesserung durch Medikamente feststellen und ergaben in einigen Fällen sogar eine Verschlechterung des Gesamtzustandes (mit Ausnahme der Beigabe von Cannabinoid bei PTBS). Dagegen können Sie mit Geduld und Verständnis viel zu einer erfolgreichen Besserung des Betrofffenen beitragen.

""Ein unterstützendes soziales Umfeld aus Familie, Freundes- und Kollegenkreis leistet einen enorm wichtigen Beitrag für einen gelingenden Heilungsprozess. Früh traumatisierte Menschen haben nie lernen können, dass menschliche Beziehungen Schutz und Halt bedeuten können und stehen als Erwachsene oft ohne den Rückhalt naher Bezugspersonen da. Und nicht zuletzt hat jeder Mensch sein ganz eigenes Tempo zu lernen, zu bewältigen und seelische Verletzungen heilen zu lassen."

Moon Stegk (2012)

 

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Literatur

 

Putnam, Frank. (2003). DIS. Diagnose und Behandlung der Dissoziativen Identitätsstörung. Ein Handbuch.Paderborn: Junfermann; S. 171

Svetlana Zunder, Anna Madeiski; Multiple Persönlichkeitsstörung; Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg; http://derbuntering.de/pdf/HAW_2.pdf

Sabine Marya (2013): Das neue Hand in Hand - Selbsthilfebuch für Unterstützer, Begleiter, Freunde und Partner von Menschen mit multipler Persönlichke; S. 26

Deistler, Imke & Vogler, Angelika (2005). Einführung in die Dissoziative Identitätsstörung; Therapeutische Begleitung, Paderborn: Junfermann

Moon Stegk (2012) Was gute Traumatherapie braucht; https://gestalttherapieluebeck.wordpress.com/2012/12/07/was-gute-traumatherapie-braucht/

Striebel, C. (2008): Schritt für Schritt ins Leben. Ein kompaktes Selbsthilfebuch für Menschen mit DIS und Zwischenformen. Leipzig: Engelsdorfer Verlag

Michaela Huber (2010); Multiple Persönlichkeiten: Seelische Zersplitterung nach Gewalt; Junfermann Verlag, S. 180

Karsten Böhm (2015); EMDR in der Psychotherapie der PTBS: Traumatherapie praktisch umsetzen; Springer; Psychotherapie: Praxis

Andreas Kastenmüller (2000), Multiple Persönlichkeiten, München, GRIN Verlag, http://www.hausarbeiten.de/faecher/vorschau/97161.html

Fiedler, P. (1997). Dissoziative Identitätsstörung, multiple Persönlichkeit und sexueller Mißbrauch in der Kindheit. In G. Amann & R. Wipplinger, S. 217-234

Ursula Gast, Gustav Wirtz (2016); Dissoziative Identitätsstörung bei Erwachsenen: Expertenempfehlungen und Praxisbeispiele; Klett-Cotta

National Child Traumatic Stress Network and National Center for PTSD (2006; "Psychological First Aid. Field operations guide. 2nd edition.

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